Diversity 2020

Vor und hinter der Kamera

Queere Menschen und die FILMBRANCHE – passt, oder? Wir haben bei der UFA nachgefragt

Von Udo Badelt

Eine Annahme liegt nahe: Film und Fernsehen dürften eine vergleichsweise angenehme Arbeitsumgebung bieten für lesbische, schwule, bi-, trans, intersexuelle und queere Menschen (LGBTIQ). Jedenfalls angenehmer als Bau, Armee, Profifußball oder Schule. Gehört doch die Fluidität der Rollen, die Fähigkeit, sich von verschiedene Identitäten nicht irritieren zu lassen, in Film und Fernsehen quasi zum Berufsbild – vor der Kamera sowieso, aber auch hinter ihr.

Hinter der Kamera arbeitet etwa Markus Schroth, Personalleiter (Head of Human Resources) der Abteilung „Show & Factual“ bei der UFA und Ansprechpartner für queere Belange innerhalb des Unternehmens.

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UFA-Geschäftsführer Nico Hofmann sieht eine große Offenheit

„Mein Eindruck ist, dass wir hier einen vergleichsweise dankbaren Arbeitsplatz haben“, sagt er. Schroth gehört zum Kernteam des 2017 entstandenen Netzwerks be.queer, wobei „be“ auch Abkürzung für den Bertelsmann-Konzern ist, zu dem die UFA gehört. „Wir beraten unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei Fragen rund um das Thema LLGBTIQ“, erklärt Schroth. Hat jemand im Unternehmen Fragen – etwa: „Wer hat Erfahrung im Umgang mit nonbinären Menschen?“ – kann sich an das das Netzwerk wenden. Im Oktober vergangenen Jahres ermunterte be.queer außerdem alle Bertelsmann-Auszubildenden, Videos zum Thema „Coming Out am Arbeitsplatz“ zu produzieren. Sie sind auf Youtube veröffentlicht.

Nico Hofmann ist Produzent, Regisseur und Geschäftsführer der UFA. Und schwul. „Ja, ich sehe in unserer Branche eine unglaubliche Offenheit im Umgang mit sexueller Identität“, sagt er. Viel habe sich verändert seit den 80er Jahren, als er Student an der Münchner Filmhochschule und Homosexualität mit vielen Vorurteilen belegt war – trotz schwuler Prominenter wie Rosa von Praunheim oder Rainer Werner Fassbinder. „Damals begann die Aids-Krise“, erzählt er, „alle hatten Angst, ein bisschen ist es jetzt in der Coronakrise auch wieder so.“
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Die jüngere Generation begegne dem Thema Homosexualität heute ohne jede falsche Scham. Selbstverständlichkeit: Diesen Begriff benutzt Hofmann gerne, um die Situation queerer Menschen in seinem Unternehmen zu beschreiben. Sein Wunsch: Dass diese Selbstverständlichkeit auch in der Darstellung queerer Figuren immer mehr zur Regel wird, etwa in der Serie „All you need“, die gerade für die ARD-Mediathek entsteht. Oder in der Fernsehserie „Charité“, wo sich Sanitätsoffizier Otto (Jannik Schümann) und Pfleger Martin (Jacob Matschentz) verlieben. „Souveräne, nicht klischierte, selbständige Figuren“ seien das, so Hofmann. Allerdings beobachtet Markus Schroth, dass in vielen Drehbüchern immer noch vor allem das Coming Out im Vordergrund steht, als besonders effektiv erzählbarer Stoff – und weniger das Leben danach. Deshalb sei es wichtig, bestimmte Erzählmuster aufzubrechen.

Wie sieht es jenseits von Film und Fernsehen aus? Albert Kehrer, der mit der von ihm gegründeten Stiftung „Prout at Work“ Unternehmen beim Umgang mit queeren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern berät, weiß: Vor Verallgemeinerungen sollte man sich hüten. „Es gibt in jeder Branche offene und homophobe Menschen.“ Viele Firmen würden zwar den Regenbogen auf Produkten und in der Kommunikation verwenden, jedoch wenig ernsthafte Initiativen gegen Homophobie starten. Die Stiftung verleiht den „Big Impact Initiative Award“. Gewonnen hat ihn 2020 be.queer mit seinen Azubi-Videos.
Fotos: Getty Images; UFA GmbH