Die Nation soll wachsen: In meiner Heimat kommen viele Kinder gegen den WILLEN ihrer Mütter zur Welt – so wie ich

Von Aora Helmzadeh

Lassen Sie mich die Geschichte von Anfang an erzählen: Da sie schon drei Kinder hatte und in finanziellen Schwierigkeiten steckte, war sich meine Mutter ganz sicher: Sie wollte mich nicht.

Sie probierte die traditionellen Methoden der Abtreibung durch. Ohne Erfolg. Als mein Vater dahinterkam wurde er zornig: „Wie kannst du so eine schlimme Sünde begehen?“

Dies war meine erste Erfahrung zum Thema Abtreibung. Mein Vater wollte mich damals retten als weiteren Zuwachs für die islamische Armee, was ich aber niemals wurde.

Eine Mutter zu sein, ist die wohl schwierigste und verantwortungsvollste Aufgabe, die es gibt, und wie soll man sie erfüllen, wenn man nicht bereit dazu ist?

Abtreibung bedeutet, dass eine Frau durch das Leiden geht, ein anderes Leben zu beenden. Sie tut es, um zu vermeiden, dass ihr eigenes Leben ein endloses Leiden wird.

In meiner Heimat, dem Iran, ist Abtreibung illegal nach islamischem Recht und gemäß der Verfassung. Selbst, wenn eine Frau vergewaltigt wird, muss sie das Baby austragen!
Rosa ist die Hoffnung. Vielleicht wird dieses kleine Mädchen einmal frei darüber entscheiden können, ob und wann es Kinder bekommt, was es anziehen und wohin es reisen möchte. Der Generation ihrer Mutter ist dieses Glück nicht beschieden.
Rosa ist die Hoffnung. Vielleicht wird dieses kleine Mädchen einmal frei darüber entscheiden können, ob und wann es Kinder bekommt, was es anziehen und wohin es reisen möchte. Der Generation ihrer Mutter ist dieses Glück nicht beschieden.
Du stellst fest, dass dein Körper nicht dir gehört. Dein Körper und deine Zukunft gehören dem System, der Nation. Die Nation will wachsen und deswegen benutzt sie deinen Körper als Reproduktionsmaschine!

Um im Iran eine Abtreibung zu bekommen, muss man viel Glück haben. Sahar hatte Glück und die Abtreibung wurde sogar bei ihr zuhause durchgeführt. Sie war 21 Jahre alt, Studentin an der Universität Teheran und war von ihrem Freund schwanger. Das allein war schon eine große Sünde. Sie ahnte nicht, dass sie schwanger war, und ging mit Bauchschmerzen zum Arzt. Der Arzt riet ihr zu einem Schwangerschaftstest und immer noch ahnte sie nichts.

Da Abtreibung im Iran ganz und gar verboten ist, gibt es keine Ärzte, die sie durchführen. Viele Frauen greifen daher zu Medikamenten, die sie hoch dosieren, bis Blutungen einsetzen. Dann beeilen sie sich zum nächsten Krankenhaus und geben an, dass die Blutung von alleine begonnen hat. Die Ärzte nehmen dann eine Ausschabung vor und niemand kann nachweisen, dass es Absicht war. So machte es auch Sahar. Auf Empfehlung einer Freundin besorgte sie das Medikament, nahm es ein und wartete auf die Blutung. Sie erreichte das Krankenhaus, alles lief nach Plan. Im Krankenhaus befiel sie Angst, würden sie kommen, um sie zu verhaften? Sie hatte Glück. Nicht selten schaffen es die Frauen nicht rechtzeitig ins Krankenhaus, verbluten auf dem Weg.

Das iranische Regime stellt Abtreibung unter hohe Strafe. Der Grund ist, dass sie Angst vor Geburtenrückgang haben. Vergangenen Monat wurden Verhütungsmittel in manchen ländlichen Gebieten aus dem Verkehr gezogen. Das Ziel ist: Die Bevölkerung soll wachsen.

Es geht um eine Gesellschaft, in der das Mindestheiratsalter für Mädchen bei 13 Jahren liegt. Wenn der Vater zustimmt, können sogar Neunjährige verheiratet werden. Diese Mädchen werden schwanger und schwanger und schwanger. Jedes Jahr ein Kind ist keine Seltenheit. Die Statistik zeigt eine Zunahme von Selbstmorden und Selbstverstümmelungen.

Frauen treiben selbst ab – und viele verbluten dabei

Hintergrund des Ganzen ist die Ideologie des Regimes. Der Iran, so wollen es die Führer, soll eine wachsende Nation sein. Der höchste Führer des Landes Ali Khamenei wiederholte kürzlich bei einer Ansprache sein Ziel: „Der Iran braucht eine Bevölkerung von 150 Millionen!“ Derzeit liegt die Bevölkerungszahl gerade einmal bei 82 Million.

In Deutschland ist alles anders. Hier ist es zwar immer noch verboten, dass Ärzte bekanntgeben, dass sie Abtreibungen durchführen, auch werden Abtreibungen in der Regel nicht von der Krankenkasse übernommen. Im Allgemeinen sind Abtreibungen jedoch in bestimmtem Rahmen erlaubt und es gibt Organisationen, die Frauen helfen, wenn ihnen das Geld zum Schwangerschaftsabbruch fehlt.

Eigentlich ist also für alle gesorgt. Eigentlich! Sadaf, 25, kam als Flüchtling aus dem Iran nach Deutschland. Sie lebt in einer Unterkunft. Sie verpasste den richtigen Zeitpunkt. Ihre unsichere Situation, die mangelnden Sprachkenntnisse. Als sie endlich zum Arzt ging, war der fünfte Monat vorbei und es war für einen Abbruch zu spät. Nun hat sie ein ungewolltes Kind, obwohl sie keinen sicheren Aufenthalt hat und der Vater des Kindes aus Deutschland abgeschoben wurde, bevor Sadaf wusste, dass sie schwanger ist.

Angesichts der Schicksale im Iran und anderswo fragt man sich: Warum können Frauen nicht selber über ihre Körper entscheiden? Warum sind es zumeist männliche Politiker, die darüber bestimmen? Das Interesse der Frauen und ihr Wunsch Kinder zu haben oder auch nicht, sollten im Mittelpunkt stehen. Andere Gründe, Ideologien, nationaler Größenwahn oder der Wunsch von Männern, Frauen zu kontrollieren, dürfen keine Rolle spielen.
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ARTE

Gefährliche Gefühle

Weil ihre Liebe verboten ist, flüchten Mawada und Sara aus Saudi-Arabien nach Deutschland. Heute machen sie WEIBLICHE HOMOSEXUALITÄT sichtbarer

Ich habe nach Freiheit gesucht“, sagt Mawada Qadi, Saudi-Araberin, 31 und lesbisch. „Wahlfreiheit, Meinungsfreiheit und die Freiheit zu lieben, wen ich will. Das hat mich dazu gebracht, mein Land zu verlassen.“

Seit 2019 lebt Mawada Qadi mit ihrer Partnerin Sara Al Mansoori (31) und ihrem Hund Blacky in Deutschland im Exil. Sie hatte keine Hoffnung, sagt sie, dass sich die Situation in ihrer Heimat ändern würde. „Ich konnte dort nicht länger bleiben, ich wollte mein Leben leben.“

Bereits viereinhalb Jahre lang sind Mawada und Sara ein Paar. Sie erzählen, wie sie um ihre Liebe kämpfen mussten. Wie sie Angst hatten, sich zu treffen, weil sie fürchteten, die Beziehung könnte ans Licht kommen. Inzwischen haben sie sich vom Islam abgewandt und halten sich nicht länger an seine Regeln. In ihrem Heimatland würde das für sie wohl Lebensgefahr bedeuten, sagt Mawada.

Saudi-Araberinnen leiden unter dem missbräuchlichen System männlicher Vormundschaft. In dem konservativen Wüstenstaat kontrolliert ein Mann das Leben einer Frau von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod. Jede saudische Frau muss einen männlichen Vormund haben, meist ist das ihr Vater oder Ehemann. In einigen Fällen haben auch die eigenen Brüder und Söhne die Macht, wichtige Entscheidungen in ihrem Namen zu treffen. Der saudische Staat behandelt Frauen grundsätzlich wie Minderjährige. Bisher wurde sehr wenig getan, um das System zu beenden, das laut der Organisation Human Rights Watch nach wie vor das größte Hindernis für Gleichberechtigung im Land darstellt.

Inzwischen haben sie sich vom Islam abgewandt

Aktuell bleiben in Saudi-Arabien mindestens acht Frauenrechtsaktivistinnen inhaftiert. Berichten von Menschenrechtsorganisationen zufolge haben saudische Vernehmer mindestens vier von ihnen mit Elektroschocks gefoltert, sie ausgepeitscht und sexuell misshandelt. Systematische Diskriminierung und häusliche Gewalt veranlassen einige Frauen dazu, gefährliche Fluchtversuche zu unternehmen. Frauen wie Mawada.

Ihre Flucht plant sie während eines Familienurlaubs in Malaysia, weil sie dort Zugang zu ihrem Pass hat. Sie bucht einen Flug nach Tunesien über Deutschland und sagt ihren Eltern, sie möchte das Land mit ihren Freundinnen besuchen. Mawada hat Glück, die Eltern stimmen zu. Was sie ihrer Familie nicht sagt, ist, dass sie nicht vorhat, nach Hause zurückzukommen. Sobald sie deutschen Boden betritt, beantragt sie Asyl.

„Ich habe drei Jahre lang von diesem Moment geträumt“, erzählt die junge Frau, die aus einer religiösen Familie stammt. Heute ist Mawada nicht mehr gläubig. Je mehr sie über Religion nachgedacht habe, desto fassungsloser sei sie angesichts von so viel Frauenfeindlichkeit geworden. Sie habe, sagt sie heute rückblickend, „in einer Blase gelebt“.

Das wird auch Sara klar, kurz nachdem sie Mawada in Saudi-Arabien zum ersten Mal trifft. Saras Familie ist zwar weniger konservativ, dennoch ist ihre Freundin die erste Atheistin, mit der sie in ihrem Leben Kontakt hat. „Wir haben lange über Religion diskutiert. Am Ende habe ich viele Dinge eingesehen“, erzählt Sara. In Saudi-Arabien brauchen Frauen zum Beispiel immer noch die Zustimmung ihres Vormundes, wenn sie heiraten möchten, während Männer bis zu vier Ehefrauen gleichzeitig haben dürfen.
Verdammt, verliebt. Mawada Qadi (l.) und Sara Al Mansoori brechen mit ihrer Beziehung ein Tabu in ihrem Land. Seit anderthalb Jahren leben sie deshalb in Deutschland im Exil.
Verdammt, verliebt. Mawada Qadi (l.) und Sara Al Mansoori brechen mit ihrer Beziehung ein Tabu in ihrem Land. Seit anderthalb Jahren leben sie deshalb in Deutschland im Exil.
Auch Mawada wird mit 16 gezwungen, einen Mann zu heiraten. Sogar ihre Lehrer ermutigen sie dazu. „Ich war naiv und wusste nicht, was es bedeutet“, erinnert sie sich heute. Doch die Ehe dauert nicht lange. Bereits nach wenigen Monaten verlässt Mawada ihren Mann und flüchtet zurück ins Elternhaus. Zufällig – über einen Psychologen, den beide Frauen besuchen – lernt sie Sara kennen. Erst jetzt spürt sie echte Liebe. Lange halten sie ihre Beziehung geheim, bis sie nach Europa fliehen.

Heute drücken Sara und Mawada ihre Gefühle offen aus – auch in den sozialen Medien. Dass sie ihre Identität auf Twitter und Instagram preisgeben, sei eine bewusste Entscheidung, sagen sie. „Wir wollen homosexuelle Beziehungen sichtbarer machen und dazu beitragen, dass gleichgeschlechtliche Liebe in der arabischen Welt, insbesondere in Saudi-Arabien, akzeptiert wird.“ Damit möchten sie jungen Mädchen Hoffnung geben, und ihnen Mut machen, sich treu zu bleiben. „Auch wenn sie unter einem repressiven Regime leben, müssen sie nicht für immer dort bleiben“, sagt Sara.

Ihre Beiträge bescheren den beiden Vorkämpferinnen viel Zuspruch im Netz. Besonders überrascht habe sie, dass ausgerechnet so viele Jugendliche ihre Posts teilen und sie unterstützen. Das zeige, wie aufgeschlossen die neue Generation sei. Doch nicht allen gefällt, was Sara und Mawada öffentlich von sich geben. Hassrede und Mobbing sind die Kehrseite der Medaille. „Wir haben mehrfach Morddrohungen erhalten“, sagen sie.

Trotz Gegenwind bleiben sie zuversichtlich – und lernen fleißig Deutsch, damit sie künftig einen Job wählen können, der ihnen Spaß macht. Mawada hat einen Bachelor in englischer Sprache. Sara ist Sozialwissenschaftlerin mit einem Diplom in Bewegungsgrafik. Jetzt möchte sie noch Fotografie studieren.

Klar vermissen sie ihre Heimat, sagen beide unisono, das Essen und die Muttersprache. Das sei aber nur ein kleiner Preis für die Freiheit. Nazeeha Saeed

— Aus dem Englischen übersetzt von Aleksandra Lebedowicz.
Fotos: Peter Turnley/Getty Images; privat