Save the Children

Zehn Kinder, zehn Krisen, zehn Dekaden

Wie Kriegserfahrungen Menschenleben prägen

Von Andreas Monning

Erdbeben auf Haiti, Revolution in Ägypten, Krieg im Kongo: Dominic Nahr ist Krisenreporter und Kriegsfotograf. Weltweit Schauplätze von Tragödien aufzusuchen und in Bildern zu dokumentieren, wie die Krise das Leben der Menschen dort verändert, ist sein Job. Seine Bilder erscheinen in Medien wie dem „Time Magazine“ und „National Geographic“; seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet. Immer wieder stellt der 35-jährige Schweizer Kinder in den Mittelpunkt seiner Arbeit – und so war es nur eine Frage der Zeit, bis es zur ersten Begegnung mit Save the Children kam.

Die Organisation hatte die Idee zu einem gemeinsamen Foto- und Multimediaprojekt: einer Dokumentation, die im Jubiläumsjahr von Save the Children die Schicksale von zehn Kindern aus zehn Dekaden in zehn Krisen nachzeichnet und so die Arbeit der internationalen Hilfsorganisation sichtbar macht – seit 100 Jahren. „Außerdem soll das Projekt die Menschen daran erinnern, dass es in fast jedem Land der Welt Kinder gibt, die Kriegserfahrungen machen mussten, zum Teil sogar mehrfach“, hebt Nahr einen Aspekt hervor, der ihm besonders am Herzen liegt. Diese Tatsache verschwinde häufig aus dem Bewusstsein der Menschen, denn die Kinder von einst seien heute erwachsen und viele sprächen kaum über ihre Erlebnisse.
Dominic Nahr gelingen bewegende Bilder.
Dominic Nahr gelingen bewegende Bilder.
Zehn Schicksale, von den Hungersnöten des Ersten Weltkriegs bis zum Leben im Flüchtlingscamp Cox’s Bazar in Bangladesch: Der Anspruch des Projekts ist hoch, er macht das Unterfangen zu einer Herkulesaufgabe. „Aber die Arbeit lohnt sich, denn in seiner Art wird es einmalig sein“, zeigt sich Nahr begeistert. Zum Team gehört auch die österreichische Journalistin Anna Mayumi Kerber, die seit zehn Jahre auf dem afrikanischen Kontinent arbeitet. Nahr fotografiert, Kerber schreibt und recherchiert zusammen mit Save the Children Deutschland und den jeweiligen Länderbüros, um geeignete Protagonistinnen und Protagonisten zu finden. So kamen Lebensgeschichten von zehn Menschen aus aller Welt zusammen. Menschen, die als Kinder unter den Folgen von Kriegen litten oder immer noch leiden und denen die Arbeit von Save the Children geholfen hat.

Die Bilder gehen unter die Haut; die Gesichter und Berichte erzählen von Verzweiflung und Hoffnung, Trauer und Stolz, Zerbrechlichkeit und Widerstandskraft. „Das Fotoprojekt soll zeigen, dass es zu jeder Zeit und in jedem Krieg besonders die Kinder sind, die die Folgen tragen“, sagt der Fotograf. Und es macht sichtbar, wie Kriegserfahrungen ein Menschenleben prägen, wie seelische Narben in der späteren Biografie und sogar in der Physiognomie sichtbar werden.
     

Das Jubiläumsjahr

Veranstaltungen und Termine

FESTAKT ZUM GEBURTSTAG
16. Mai 2019
„Jeder Krieg ist ein Krieg gegen Kinder“ – dieser Satz der Save-the-Children-Gründerin Eglantyne Jebb gilt heute wie vor 100 Jahren und wird auch den Festakt zum Jubiläum am 16. Mai im Museum für Kommunikation in Berlin prägen.

FESTIVAL „FILM OHNE GRENZEN“
29. August bis 1. September 2019
„Film ohne Grenzen“, das internationale Filmfestival in Bad Saarow, zeigt seit 2013 Dokumentar-, Spiel- und Kurzfilme, die „die Möglichkeiten und Chancen des menschlichen Zusammenlebens ausloten“. Save the Children ist in diesem Jahr Partner und mit Filmen und Diskussionen zu „Kindern im Krieg“ vertreten (filmohnegrenzen.de).

HUMAN RIGHTS FILM FESTIVAL
18. bis 25. September 2019
2018 rief die Aktion gegen den Hunger das Human Rights Film Festival Berlin ins Leben. Facettenreich befassen sich die Dokumentarfilme mit dem Thema Menschrechte. Festivalpartner Save the Children ist mit einer eigenen Programmschiene dabei (humanrightsfilmfestivalberlin.com).

UN-KINDERRECHTSKONVENTION
20. November 2019
Auch die UN-Kinderrechtskonvention feiert einen runden Geburtstag: Im November vor 30 Jahren wurde sie verabschiedet. Eglantyne Jebb legte mit ihrer „Deklaration für die Rechte der Kinder“, die 1924 vom Völkerbund aufgegriffen wurde, den Grundstein dafür. Tsp
    

Zeitzeugen, bitte melden!

Es können kleine Erinnerungen oder große sein: Im 100. Jubiläumsjahr sucht Save the Children Menschen, die in Deutschland nach dem Ersten oder nach dem Zweiten Weltkrieg als Kinder mit der Organisation zu tun hatten und ihre Erlebnisse von damals teilen möchten. Anhand von persönlichen Geschichten soll so nacherzählt werden, wie die Hilfseinrichtung wirkte. 1919 gründete die Engländerin Eglantyne Jebb den „Save the Children Fund“ mit dem Ziel, hungernden Kindern des ehemaligen Kriegsgegners zu helfen (siehe Artikel auf Seite B2). Als die Siegermächte nach Ende des Erstes Weltkrieges die Wirtschaftsblockade aufrechterhielten, litt die Zivilbevölkerung. Österreichische und deutsche Kinder hungerten; ihre Familien waren dringend auf Hilfe von außen angewiesen. Rund ein Viertel aller Deutschen, die zwischen 1907 und

1919 geboren wurden, haben im Rahmen von Notspeisungen Essen erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Save the Children erneut für deutsche Jungen und Mädchen ein. So verteilten die Helfer als einzige internationale Organisation im Durchgangslager Uelzen-Bohlendamm Kleidung und Nahrung, boten Ausflüge an und betrieben einen Kindergarten.

Wer damals mit Save the Children in Berührung gekommen ist oder mit einer der Organisationen, denen Save the Children mit Spenden geholfen hat, wird gebeten, sich zu melden. Entweder per Telefon unter 030-27 59 59 - 79 oder Mail an zeitzeugen@savethechildren.de tabu

Mehr im Internet: savethechildren.de/zeitzeugen    
Foto: Dominic Nahr
Erschienen im Tagesspiegel am 16.05.2019