Nachhaltige Entwicklung

Lasst uns über Rassismus reden

Für People of Color ist Diskriminierung hierzulande Alltag. Die Ausgrenzung kann krank machen. Doch machtkritische Therapeuten sind unterrepräsentiert

Von Aleksandra Lebedowicz

„Fass meine Haare nicht an.“ Es sei, erzählt Rose Kapuya, der erste Satz ihrer Tochter gewesen, als sie anderthalb Jahre alt war. „Sie hat bereits als Baby erlebt, dass fremde Menschen ihr ungefragt in die ,schönen Afrolocken‘ greifen.“ In der Bahn, auf dem Spielplatz, an der Obsttheke. Oder fragen, ob Rastas nicht zu schwer seien für so einen kleinen Kinderhals. Und wenn sie dann einschreitet, weil ihr Mädchen rassistisch angegangen wird, hört sie von weißen Menschen keine Entschuldigung, sondern immer die gleichen Erklärungen: Sie übertreibe, so sei es doch nicht gemeint gewesen.

„Es ist unerträglich“, sagt Kapuya, die als Therapeutin in Berlin und Köln arbeitet, „zu wissen, dass dir Unrecht passiert, aber nicht verstanden zu werden“. Ihre Praxis „Kraftfarben“ richtet sich an alle, die Diskriminierung auch durch solche Mikroaggressionen erfahren. Gemeint sind damit übergriffige Äußerungen, die Schwarze Menschen im Alltag erleben. Der Begriff wurde 1970 vom amerikanischen Psychiater Chester Pierce geprägt. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Weißsein die Norm ist. Wir sind alle rassistisch sozialisiert“, sagt Kapuya. Das beste Beispiel sei, wenn in der Kita nach dem Hautfarbe-Stift gefragt wird und Kinder sofort zum Rosa oder Beige greifen. Sie müsse viel recherchieren und mehr Geld ausgeben, um für ihre Tochter Bücher zu finden, wo Schwarze Kinder auch mal Protagonisten sind und nicht bloß Beiwerk – neben der coolen Britta mit den langen, blonden Haaren.

Ohne Vorbilder groß zu werden, mit dem Gefühl, anders zu sein, belastet enorm. Und gefährdet die Gesundheit. „Deshalb kämpfe ich dafür, dass Rassismus als Risikofaktor für Depressionen anerkannt wird“, sagt Kapuya. Schlaflosigkeit, Rückenleiden und psychosomatische Beschwerden seien häufige Folgen. „Gerade Schwarze Jungs“, sagt sie, „werden in der Schule stigmatisiert, gelten als unkonzentriert, aggressiv und haben zwischen acht und 13 Jahren interessanterweise meistens ADHS.“ Viel zu selten, meint sie, werde dabei auf die Ursachen geschaut: Wenn schon der Weg zur Schule anstrengend ist, kommt man bereits angespannt in die Klasse. Wer dann auch noch keine Lehrer hat, die einen motivieren, wie hoch stehen da die Chancen, dass man das Abi schafft und studiert?

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Bei Rose Kapuya können Betroffene mit Farbe und Stift Gefühle ausdrücken

Solche Problemlagen bleiben aber unsichtbar. Auch wenn in Deutschland mehr als eine Million Menschen afrikanischer Herkunft leben, wird bezweifelt, dass der antischwarze Rassismus hierzulande existiert. Bisher fehlten verlässliche Daten. Nun soll sich das mit dem Afrozensus ändern. Das Projekt von Each One Teach One (EOTO), einem Verein für Empowerment von Schwarzen Menschen, soll erstmals die Lebensrealitäten, Perspektiven und Diskriminierungserfahrungen der Community erfassen und ein umfassendes Bild malen. „Solche Statistiken müssen ernst genommen werden“, sagt Rose Kapuya. „Meine Hoffnung ist, dass wir endlich gesehen werden.“

„Viele Menschen, die zu mir kommen, sind irritiert, ob ihre Gedanken und Gefühle berechtigt sind, weil sie oft erlebt haben, dass ihre Erfahrungen ihnen abgesprochen wurden“, sagt Stephanie Cuff-Schöttle. Die Psychologin bietet in Berlin eine rassismuskritische Beratung an und arbeitet hauptsächlich mit jungen Erwachsenen und Erwachsenen. Mittlerweile wird zwar nicht von Rassen, sondern von unüberwindbaren Kulturunterschieden gesprochen. „Am Ende geht es immer darum, wer die Deutungshoheit hat, das ,Wir‘ zu definieren“, sagt Cuff-Schöttle. Und wer nicht zum „Wir“ gehört, darf anders behandelt werden. Als Othering wird dieses Phänomen bezeichnet. Und zeigt sich zum Beispiel an der Frage: Wo kommst du wirklich her? „Man würde eine weiße Person niemals drei Generationen zurückfragen, bis die eigene Neugier befriedigt ist“, sagt Cuff-Schöttle. People of Color bringt man in diese Pflicht, denn gemeint ist: Warum bist du schwarz? „Ständig darauf hingewiesen zu werden, nicht zu genügen, ist eine Ausgrenzungserfahrung, die krank machen kann“, sagt Cuff-Schöttle. Rassismus schlägt auf die Psyche, weil er Stress bedeutet und unausgesprochen destruktiv wirkt. Betroffene erkennen diesen Zusammenhang häufig nicht, fühlen sich aber schwach, bekommen Ängste. „In der Therapie werden Strategien entwickelt, damit umzugehen, um gesund zu bleiben“, sagt Cuff-Schöttle. Der Bedarf sei immens groß, sagt die Psychologin. Weißen Therapeuten fehlt leider der Blick für die Probleme, mit denen sich People of Color herumschlagen. Cuff-Schöttle erzählt von Klientinnen, bei denen eine vertrauensvolle Beziehung mit weißen Spezialisten, beim Thema Rassismus aber plötzlich „die Mauer da war“, da komme immer diese Scham-Schuld-Abwehr-Reaktion.

Die Arbeit gegen Rassismus leisten deshalb meist die Betroffenen. Es sind selten weiße Menschen, die Workshops geben, aufklären, Bücher schreiben. „Mein Wunsch wäre, dass diejenigen, von denen Rassismus ausgeht, sich fragen, was sie ändern können, damit Schwarze Menschen aufatmen“, sagt Rose Kapuya. Auch sie kämpft ihr Leben lang gegen Vorurteile an. Geboren wurde sie in Kongo. Mit sechs Jahren kam sie nach Deutschland. Ging hier zur Kita und zur Schule, legte ein super Abi hin, studierte. Heute sagt sie: „Die Schule war Horror.“ Die Belastung, mehr leisten zu müssen, sich immer gewählter auszudrücken, um zu beweisen, dass man was kann, raube Kraft. Ein Erlebnis hätte beinah ihre Zukunft zerstört. Kurz vorm Abi muss sie von einem Tag auf den anderen ihre Schule verlassen. An die Worte des Schulleiters kann sie sich bis heute noch genau erinnern: So eine wie sie wolle man hier nicht haben. Ein Schock.
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Erst später erfährt Kapuya, dass eine weiße Mitschülerin, der sie Nachhilfe gegeben hatte, sie des Mobbings bezichtigte. „Das stimmte nicht, aber mich hat keiner angehört, alle waren plötzlich gegen mich“, sagt Kapuya. Nachdem sie die Schule wechselte, traute sie sich nicht mehr, mit Leuten zu sprechen: „Das war eine sehr einsame Zeit.“ Damals hätte sie sich eine Therapeutin gewünscht, die ihren Background hat. Heute ist Kapuya 33 und sagt: „In meiner gesamten Laufbahn stand noch nie eine Schwarze Person vor mir. Noch nie. Das kann doch nicht sein!“ In Deutschland müsse man nach Schwarzen Menschen in hohen Positionen googeln. Auch die Therapieausbildung und Studium seien auf die Bedürfnisse der weißen Mehrheitsgesellschaft fokussiert. Kapuya nennt das Whitewashing.

Ihre Praxis ist ein Ort, wo Schwarze endlich ihre Geschichten erzählen können, über ihre Sorgen sprechen, über Wut, Frustration, Verzweiflung. Oft helfe schon, ihnen zu glauben. „Wir hatten lange keine Worte dafür, was uns widerfährt“, sagt Kapuya. Auch heute ringen ihre Patienten mit der Sprache. Deshalb bedient sie sich in ihrer Arbeit der Kunst. Durch das Kreative, die Tonarbeit, das Malen, Texteschreiben falle es leichter, die Gefühle auszudrücken und sie zu reflektieren.

„Räume, wo Rassismusbetroffene aufgefangen und unterstützt werden, sind wichtig für die ganze Gesellschaft“, sagt Cuff-Schöttle. Dennoch gibt es häufig den Vorwurf, Therapie nur für Schwarze sei Segregation. „Was stört aber weiße Menschen daran, dass es Schwarze Therapeuten gibt?“, fragt Kapuya und antwortet: „Genau darum ging es auch in der Kolonialzeit, uns kleinzuhalten. Es hat nie aufgehört.“ Letztendlich, sagt Cuff-Schöttle, gehe es doch um die Frage: Welche Gesellschaft wünschen wir uns? Eine, in der alle ähnliche Chancen haben und gesund sind? „Dann müssen wir offen über Rassismus reden, ihn anerkennen und bereit sein, uns aktiv dagegen einzusetzen.“ Sonst bauen wir auf Sand.
Fotos: Getty Images; privat