Gesundheitswirtschaft

Harte Arbeit, bescheiden bezahlt

Dienstleistungen in der Pflege sind aufgrund der Demografie stark gefragt, aber unterbewertet – das meint nicht nur der Rat der Arbeitswelt. Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände hoffen auf Tariftreue im Rahmen der anstehenden Reform. Viel Zeit bleibt nicht mehr bis zur Bundestagswahl

Von Alfons Frese

Der Unterschied zwischen Brandenburg und dem Saarland beträgt 809 Euro. An der Saar verdient eine Krankenschwester im Schnitt 3818 Euro im Monat, in Brandenburg sind es 3109 Euro. Bis zur Angleichung der Arbeitsbedingungen im Osten an das Westniveau werden auch in der Pflege noch einige Jahre vergehen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat die Einkommensdaten (Stand 2019) ausgewertet. Danach liegt das mittlere Bruttoeinkommen der Fachkräfte in der Krankenpflege im Osten insgesamt um gut zehn Prozent unter Westniveau. In der Altenpflege beträgt der Rückstand sogar 13 Prozent zwischen 2707 und 3120 Euro.

Vor allem aufgrund der besonderen Belastung in der Pandemie wird seit Monaten diskutiert, ob das Pflegepersonal hierzulande das Einkommen erhält, was es verdient, und ob die Arbeitsbedingungen nicht grundsätzlich so zu verbessern wären, dass Pflegeberufe attraktiver werden. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt deutlich schneller als die Zahl der Pflegenden. Trotzdem ist für Bernd Meurer die Diskussion nicht nur überflüssig, sondern schädlich. „Hier wird nur Frust gesät, sonst gar nichts“, sagt der Präsident des Verbandes privater Anbieter sozialer Dienste, dem nach eigenen Angaben 12 000 Mitglieder mit 365 000 Beschäftigten angehören.

Wer in der Pflege arbeitet, vertritt eher nicht eigene Interessen

Die werden alle gut bezahlt, sagt Meurer, der selbst drei Pflegeheime betreibt. In den vergangenen zehn Jahren seien die Einkommen um mehr als 30 Prozent gestiegen und damit um zehn Prozent stärker als die Durchschnittseinkommen in der gesamten Wirtschaft. „Es gibt keinen Grund, die Pflege schlechtzureden“, schlussfolgert der Verbandsvertreter und führt ein weiteres Argument an. Die Beschäftigtenzahl in der Altenpflege sei trotz Pandemie im vergangenen Jahr gestiegen, weil „der Beruf der Pflegekraft sich großer Beliebtheit erfreut“.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hatte kürzlich eine Beschäftigtenzahl von 1,77 Millionen in der Gesundheits- und Altenpflege für Oktober 2020 mitgeteilt. Das waren 43 300 mehr als im Jahr zuvor und 14 Prozent mehr als 2015. Immerhin – und doch bei weitem nicht ausreichend, um den vor allem aufgrund der demografischen Entwicklung steigenden Bedarf zu decken. Bei der BA sind derzeit 12 700 offene Stellen für Krankenpflegerinnen gemeldet und 5800 Arbeitslose. In der Altenpflege liegt die Relation bei 12 800 Arbeitsplätze und 3600 Arbeitslose. Das sind Zahlen aus der Statistik. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi beziffert den Fachkräftebedarf jedoch auf gut 100 000 – und zwar jeweils in der Alten- und in der Krankenpflege.

Der Bremer Gesundheitsökonom Heinz Rothgang kommt auf eine ähnliche Größenordnung. Er hat in mehr als 60 Pflegeeinrichtungen die Daten von 1380 Bewohnern erfasst und jede praktische Pflegehandlung dokumentiert, insgesamt etwa 144 000 so genannte Interventionen. Von heute 320 000 Stellen müsste es hochgehen auf 440 000 Vollzeitäquivalente, meint Rothgang. Bei den Pflegefachkräften liege der Personalmehrbedarf bei 3,5 Prozent, bei den Pflegeassistenzkräften aber bei 69 Prozent. „Es fehlen also vor allem qualifizierte Assistenzkräfte mit ein bis zweijähriger Ausbildung“, sagt der Ökonom.
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Die Pflegekräfte in den Heimen machen das, was gerade anliegt – und zwar die Fachkräfte ebenso wie die Assistenzkräfte. Das ist nicht sinnvoll, weil Fachkräfte Dinge erledigen, für die ihre Qualifikation nicht gebraucht wird. Mehr Personal bei den Assistenzkräften entlastet also die Fachkräfte. Die Fachkraftquote in Altenheimen liegt bei 50 Prozent. Und das sollte auch mindestens so bleiben, meint Sylvia Bühler, die im Verdi-Vorstand für den Gesundheitsbereich zuständig ist. Vor allem die privaten Arbeitgeber wollten jedoch eine weitgehende Flexibilisierung beim Personal, um die Pflege noch preiswerter zu machen. Im Ergebnis werde die Pflege „kleinschrittiger“ und die Qualifikation der Pflegenden entwertet. Der Rat der Arbeitswelt widmet sich in seinem ersten Bericht ausführlich dem Thema Pflege. „Die Covid-19-Pandemie hat die Relevanz sozialer Dienstleistungsarbeit für Gesellschaft und Wirtschaft noch sichtbarer und für viele Menschen unmittelbar erfahrbar gemacht“, heißt es in dem Bericht, der vergangene Woche vorgestellt wurde. Gleichzeitig sei deutlich geworden, „dass soziale Dienstleistungsarbeit als systemrelevante Arbeit strukturell unterbewertet ist“.

Die Sachverständigen schlagen mehr Personal vor, höhere Einkommen und den Einsatz moderner Technologien. „Ziel muss es sein, dass digitale gestützte Pflegearbeit und neue Modelle der Arbeitsorganisation einen Beitrag zur Attraktivitätssteigerung der Pflegeberufe leisten, Arbeitsbelastungen nachhaltig reduziert und das Fach- und Erfahrungswissen beruflich Pflegender nicht entwertet wird“, heißt es im Arbeitsweltbericht.

Die Räte der Arbeit, darunter Wissenschaftlerinnen, Betriebsräte und Arbeitgeber, warnen vor den „Logiken der Ökonomisierung“ des Gesundheitssystems, die oftmals „ in Widerspruch zu den Erfordernissen einer bedarfsgerechten und qualitätsorientierten pflegerischen Versorgung“ stünden. Viele Krankenhäuser sind in den vergangenen 20 Jahren privatisiert worden, und Konzerne bewirtschaften Altenheime oftmals mit Bruttorenditen zwischen zehn und 15 Prozent. Die Dussmann-Gruppe zum Beispiel betreibt mehr als 100 Pflegeheime hierzulande.

Nach Einschätzung von Verdi hat die Gesundheitspolitik respektive der profitorientierte Betrieb der Einrichtungen dazu geführt, dass eine Pflegekraft in einem deutschen Krankenhaus im Durchschnitt 10,3 Patienten versorgen muss. Damit sei die Bundesrepublik in Europa Schlusslicht. In anderen Ländern wie der Schweiz sind es nur 5,5 Patientinnen, in Polen 9,3. Mindestens 100 000 zusätzliche Pflegekräften würden gebraucht, um auf eine Relation zu kommen, mit der die Belastungen des Personals nachhaltig reduziert werden könnte.
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„Es gibt keine Anzeichen für eine Entlastung des Personals, weder im Krankenhaus noch in der Altenpflege“, sagt Verdi-Vorstandsmitglied Bühler. Die Dienstleistungsgewerkschaft, die Tarifverträge für den öffentlichen Dienst (TVÖD) abschließt, hatte in der letzten Runde einen Schwerpunkt auf den Gesundheitsbereich gelegt. So gibt es seit März eine Pflegezulage für 70 Euro; ab März 2022 sind es 120 Euro. Die Zulage für Beschäftigte auf Intensivstationen steigt von 46 auf 100 Euro monatlich, ferner gibt es mehr Geld für das Pflegepersonal in Wechselschicht in Krankenhäusern sowie in der Altenpflege und in der Behindertenhilfe.

Ein erster Schritt, dem weitere folgen müssen, darin sind sich die meisten Gewerkschafter und Sozialpolitiker einig. Aber das ist ein schwieriges Unterfangen, zumal in der Altenpflege, wo nur ein Bruchteil der Beschäftigten sich gewerkschaftlich organisiert. „Die Wiege der Arbeiterbewegung hat nicht im Altenheim gestanden“, sagt Sylvia Bühler. „Wer in die Altenpflege geht, will in erster Linie Menschen helfen und kümmert sich oft weniger um die eigenen Interessen. Das beginnt sich langsam zu ändern.“

Bei den großen kirchlichen Wohlfahrtsorganisation Caritas und Diakonie, die beide rund 1,3 Millionen Arbeitskräfte haben, werde „den Beschäftigten immer noch häufig gesagt, sie dürften keiner Gewerkschaft beitreten, weil sie für die Kirche arbeiten“, sagt Bühler. Die Berliner Caritas-Direktorin Ulrike Kostka, immerhin für 10 000 Mitarbeitende zuständig, weist das zurück und sieht sich vielmehr an der Seite von Verdi. „Wir sollten nochmal einen Versuch unternehmen, um den Tarif in Richtung der TVÖD entwickeln zu können, an dem sich bereits die Caritasvergütung orientiert“, sagt Kostka (siehe Interview). Eine flächendeckende Tarifbindung über alle Anbieter funktioniere aber nur im Zusammenspiel mit einer umfassenden Pflegereform mit einer Refinanzierung der Vergütung sowie der Deckelung der Eigenbeiträge der Pflegebedürftigen. Die Politik ist am Zug. Die Minister Jens Spahn (Gesundheit) und Hubertus Heil (Arbeit und Soziales) arbeiten an einer Lösung. Viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum Ende der Legislatur.
Foto: Jürgen Blume/Imago