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Gesundheit in Gefahr

Wer diskriminiert wird, hat ein deutlich höheres Risiko PSYCHISCHER KRANKHEITEN

Von Inga Hofmann

Als die Bars, Szenetreffs und Sportvereine zu Beginn der Pandemie schließen mussten, hatte das gravierende Auswirkungen auf die Community. Denn gerade queere Menschen sind auf Safe Spaces fernab von gesellschaftlichem oder familiärem Druck angewiesen. Das beobachtete auch Conor Toomey, Leiter des Bereichs psychologische Beratung bei der Schwulenberatung Berlin. „Während der Pandemie sind die Orte, an denen sich LSBTI treffen, fast komplett weggefallen.“ Typischerweise würden sich queere Personen nämlich nicht am Arbeitsplatz, sondern innerhalb der Community kennenlernen. „Dass solche Orte weggefallen sind, hat auf jeden Fall zu einer verstärkten Isolation geführt“, berichtet Toomey.

Das betraf auch die Arbeit der Schwulenberatung, die ihre Angebote zwar weitestgehend aufrechterhalten konnte, aber entsprechend anpassen musste. So fanden Gesprächsrunden beispielsweise nur noch online statt. „Für Personen, die in der Community Fuß gefasst haben, mag das eine kleine Hürde sein“, sagt Toomey, „aber für Personen, die diesen Schritt noch nicht gemacht haben, war die Hürde zu groß.“ Einige Personen seien der Schwulenberatung während der Pandemie abhanden gekommen; andere hätten die Pandemie genutzt, um eine Therapie anzufangen, weil anderweitige Ablenkungen weggefallen seien.
Für viele queere Personen sind Beratungsstellen wie die Schwulenberatung ein wichtiger Schutzraum, der im virtuellen Raum allerdings so nicht umsetzbar ist. Hinzu kommt, dass für junge Menschen das Zuhause oftmals kein sicherer Ort ist. Statistiken zufolge sind junge LSBTI häufig von Diskriminierung im familiären Umfeld betroffen. Bereits zu Beginn der Pandemie warnte der Lesben- und Schwulenverband deshalb vor einem Anstieg häuslicher Gewalt gegenüber queeren Jugendlichen. „Während der Pandemie war es schwierig, diesen Personen eine Zoom-Konferenz anzubieten, wenn sie die ganze Zeit Zuhause waren und im schlimmsten Fall kein eigenes Zimmer haben“, berichtet auch Toomey.

Wie wichtig Beratungsstellen auch unabhängig von der Pandemie sind, verdeutlicht eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Daraus geht hervor, dass queere Personen deutlich häufiger mit psychischen Erkrankungen und stressbedingten körperlichen Krankheiten zu kämpfen haben. Sie sind fast dreimal häufiger von Depressionen und Burnout betroffen als der Rest der Bevölkerung. Außerdem leiden sie weitaus häufiger an Herzkrankheiten, chronischen Rückenschmerzen und Migräne, was auf chronische Stressbelastung hindeutet. Die Forschenden sehen vor allem Diskriminierungserfahrungen und „ständige Wachsamkeit“ als Ursachen dafür. Innerhalb der Community zeigen sich deutliche Unterschiede: So wurde bei 39 Prozent der befragten trans Personen schon einmal eine Angststörung diagnostiziert, während es bei den befragten cis Personen nur neun Prozent waren.
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Wofür steht LGBTQI+?
„Aus unserer Erfahrung lässt sich sagen, dass die höheren Raten von psychischen Krankheiten bei LSBTI an einer höheren Vulnerabilität liegen, die sich wiederum auf Diskriminierung und Stigmatisierung zurückführen lässt“, berichtet Conor Toomey. Viele Personen in der Beratung hätten bereits in der Schulzeit erste Mobbingerfahrungen gemacht. Oft fehle der Schutz der Familie, weil die Personen nicht geoutet seien oder Feindseligkeiten erfahren hätten. „Da kommen verschiedene Faktoren zusammen, die als Risiko für psychische Erkrankungen gelten.“ Aus seiner Erfahrung weiß Toomey, dass gerade junge queere Menschen sich häufig alleine und isoliert fühlten, weil die Unterstützung in der Familie fehle und sie keine Ansprechpersonen hätten. Das zeigt auch die Studie der DIW: 15 Prozent der befragten Personen gaben an, dass ihnen die Gesellschaft anderer (sehr) oft fehle. Das sind fast doppelt so viele sind wie in der restlichen Bevölkerung Bei trans Personen liegt der Anteil sogar bei 31 Prozent. Toomey betont deshalb die Bedeutung von Community-Organisationen, die einerseits professionelle Hilfe anbieten und andererseits soziale Kontakte herstellen. Außerdem sei es wichtig, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass die Diskriminierung von LSBTI nicht vorbei, sondern lediglich subtiler geworden sei. „Wenn wir nach vorne schauen, geht es genau darum: uns bewusst zu machen, dass wir alle Stereotype und Vorurteile verinnerlicht haben.“

Auch die Forschenden des DIW legen nahe, Beratungs- oder Freizeitangebote zu fördern und Homo- und Transfeindlichkeit stärker zu bekämpfen. Sie betonen, dass starke soziale Netzwerke auch eine Form der Resilienz sein können. Das sieht Conor Toomey ähnlich: Queere Personen hätten Krisen gemeistert und dadurch oft eine Widerstandskraft entwickelt, die sie später in anderen Krisen anwenden könnten. „Durch ihre Krisenbewältigung besitzen sie Ressourcen, die positiv zu einer starken Persönlichkeit beitragen können.“
Foto: Imago