UNO-Flüchtlingshilfe

Die Kraft zum Überleben

Opfer von Krieg und Folter sind häufig schwerst traumatisiert. In einem Moabiter Zentrum finden sie medizinische und psychotherapeutische Unterstützung – und Begleitung bei der Integration

Von Aleksandra Lebedowicz

„Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann bleibt dein Schatten hinter dir“: Dieser Spruch kam Franziska Giffey in den Sinn, als sie im Juni, am Internationalen Tag zur Unterstützung der Folteropfer, das Zentrum Überleben (ZÜ) im Berliner Stadtteil Moabit besuchte. An diesen Satz der Familienministerin denkt man auch einige Wochen später, wenn man im Flur des ZÜ verstörende Holzfiguren in einer Glasvitrine betrachtet. Traurige Menschengestalten und Szenen einer Hinrichtung, geschnitzt von einer iranischen Patientin, die ihre Tochter verloren hat. Kann jemand, der solche Dinge sah, mit anderen Müttern von verschwundenen und getöteten Kindern protestierte und aus Angst vor Repressalien seine Heimat verlassen musste, sein Gesicht jemals wieder der Sonne zuwenden?
Tanja Waiblinger
Tanja Waiblinger
„Es gibt Traumata, die man trotz Therapie nie ganz heilen kann“, sagt Tanja Waiblinger. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie leitet seit zwei Jahren die ambulante Abteilung für Erwachsene im ZÜ. Geflüchtete und Folterüberlebende, die an psychischen Störungen leiden, bekommen hier umfassende Hilfe. „Wir sind ein multiprofessionelles Team von Psychotherapeuten, Sozialarbeitern und Sprachmittlern“, sagt Waiblinger. Diese „Triade“ ist notwendig, denn Menschen, die hier behandelt werden, haben nicht nur massive Gewalt erfahren, Bürgerkrieg oder Massenvergewaltigung erlebt. Neben traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit werden sie auch mit unzähligen Alltagsproblemen konfrontiert: den aufenthaltsrechtlichen Verfahren, fehlender Kinderbetreuung oder der Wohnungssuche. Hinzu kommen die Zukunftsangst und die quälende Frage: Darf ich hier überhaupt bleiben?

„Das erschlägt unsere Kollegen, die allein in einer psychotherapeutischen Praxis sitzen“, sagt Waiblinger. Und gibt gleichzeitig offen zu, dass es immer Geschichten gibt, die einen schockieren, trotz langjähriger Erfahrung in der Verhaltenstherapie. Doch am Ende habe man Strategien, damit umzugehen. „Ich kann nur helfen, wenn ich nicht selber komplett davon überwältigt bin“, sagt Waiblinger. Insofern bedarf die Arbeit auch ständiger Selbstreflexion– und einer solidarischen Haltung zum Patienten.

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Bei der Kunsttherapie drücken sich Patienten auch ohne Worte aus

Das Schicksal eines jungen Afrikaners hat Tanja Waiblinger besonders berührt. Seine Eltern wurden bei einem Putsch umgebracht, als er 13 Jahre alt war. Er selbst konnte entkommen. Und war danach sechs Jahre alleine auf der Flucht durch Afrika. „Es hat sehr lange gedauert, bis wir die ganze Geschichte aufgearbeitet haben“, sagt Waiblinger. Wo er war, was er an schrecklichen Erfahrungen erinnert und wie er immer wieder auch positive Begegnungen erlebte. „Es hat mich fasziniert, dass Menschen so eine unfassbare, genuine Kraft haben zu überleben“, sagt die Psychiaterin.

Heute macht der inzwischen 20-Jährige eine Ausbildung im Pflegebereich. Denn neben der medizinischen und psychotherapeutischen Behandlung in der Tagesklinik und in den Ambulanzen für Erwachsene und für Kinder spielt auch Integration eine zentrale Rolle im ZÜ. Die Berufsschule Paulo Freire ist neben den Fachabteilungen ein fester Bestandteil des Zentrums. Hier können Geflüchtete und Migranten eine zweijährige, staatlich anerkannte Ausbildung zu Sozialassistentin und -assistenten mit Schwerpunkt Pflege oder Erziehung machen. Zum Angebot gehören darüber hinaus sechsmonatige Pflegebasiskurse. Seit September 2019 wird auch ein Pflegebasiskurs nur für Frauen angeboten. Khaled Dawrisch ist Koordinator. Inzwischen gebe es vier Klassen mit rund 100 Schülerinnen und Schülern. „Die Hälfte von ihnen hat keinen sicheren Aufenthaltsstatus, sondern Duldung, Fiktionsbescheinigung oder Grenzübertrittsbescheinigung“, sagt er. Und es gebe keinen einzigen Deutschen hier, lacht Dawrisch, der aus Nordostsyrien mit seiner Familie nach Deutschland geflohen ist. „Ich war damals noch Teenanger, die Entscheidung lag nicht bei mir“, erzählt er. Heute sei er dankbar. Er besuchte die Schule und machte seinen Mittleren Schulabschluss (MSA). „Das war echt schwierig“, sagt er. Als nicht registrierter Kurde in Syrien sei er dort kaum zur Schule gegangen. Auch Englisch konnte er nicht, nur Arabisch. Trotzdem schaffte er es, nach dem MSA einen Ausbildungsplatz bei Vivantes zu bekommen. Sich dort zu behaupten, fiel ihm nicht leicht. Alle anderen Azubis waren Abiturienten. „Ich habe sogar nach wenigen Monaten mit dem Gedanken gespielt, abzubrechen“, erzählt Dawrisch. Doch er blieb am Ball. Und hat die Ausbildung am Ende als Fünftbester seiner Klasse abgeschlossen.
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Die persönlichen Erfahrungen helfen ihm auch bei seiner Arbeit im ZÜ. Ab September wird er ein neues Projekt betreuen: die Berufsbildungsreife. „Wir haben uns gefragt, was machen wir mit den Menschen, die gern eine Ausbildung machen möchten, aber keinen Abschluss haben?“ Das Projekt schafft die Lösung: Wer den ersten Schritt, also den sechsmonatigen Basiskurs erfolgreich meistert, kann weitere neun Monate dran hängen und die Berufsbildungsreife nachmachen, die viele Türe öffnet.
Khaled Dawrisch
Khaled Dawrisch
Wege in die menschenwürdige Zukunft, das ist das Motto des Zentrum Überleben. Um dem gerecht zu werden, wurde hier auch eine Koordinierungsstelle installiert, die die Arbeit des Berliner Netzwerks für besonders Schutzbedürftige Flüchtlinge (BNS) überwacht. Das Netzwerk besteht aus sieben Nichtregierungsorganisationen und berät im Monat zwischen 200 und 500 Menschen, darunter Minderjährige, Schwangere, Alleinerziehende und Behinderte.

Tagesklinik, Ambulanzen, Flüchtlingshilfe, Schule, Bibliothek, eine Forschungsabteilung, BNS: Seit seiner Gründung 1992 (damals noch unter dem Namen Behandlungszentrum für Folteropfer e.V.) ist das ZÜ über die Jahre hinweg organisch gewachsen. Und bildet heute ein komplexes Gefüge. Die Ausweitung der Aktivitäten bringt ein dringendes Problem mit sich: akute Raumnot. „Auf dem Gelände sind die Flächen knapp. Wir sind dabei, die Fühler auszustrecken. Doch die Preise auf dem freien Markt sind unbezahlbar“, sagt Sarah Nenstiel, stellvertretende Geschäftsführerin des ZÜ. Eigentlich brauche man jemanden, der seine Immobilie zur Verfügung stellen würde. Ein Zentrum am Limit.

Dabei ist die Nachfrage nach Beratungen und Behandlungen enorm. Es gibt einfach nicht genug Psychotherapeuten und spezialisierte Sprachmittler. „Und wir können nicht alle aufnehmen“, sagt Tanja Waiblinger. Denn die Fälle hier seien sehr komplex. Manchmal müssten sich die Therapeuten und Sozialarbeiter sogar politisches Wissen aneignen, um bestimmte Ereignisse überhaupt einordnen zu können. Das koste Zeit. „Interkulturelle Öffnung bedeutet auch verstehen wollen. Es gibt Menschen, die Schreckliches erlebt haben, und sie verdienen es, dass sich jemand damit beschäftigt.“
Fotos: imago images / Panthermedia, ZÜ(3)