Wirtschaftsregion Berlin-Brandenburg

„Der BER ist Fluch und Segen zugleich“

Die Gemeinden und Landkreise im Südosten Berlins sind im Umbruch. Der neue Airport sorgt im Umland für Zuzug, Unternehmen siedeln sich an. Ein Besuch in Königs Wusterhausen zeigt exemplarisch, wie eine Kleinstadt vor den Toren Berlins versucht, diesen Wandel zu meistern.

Von Patrick Volknant

Mitten unter die Kiefern von Zeesen hat sich ein stählerner Gast gemischt. In dem normalerweise so ruhigen Ortsteil von Königs Wusterhausen markiert ein Kran die Stelle, an der in etwas weniger als zwei Jahren die neue Grundschule eröffnen soll. Zu seinen Füßen dröhnen schwere Maschinen, über deren Lärm hinweg sich Bauarbeiter gegenseitig Anweisungen zurufen. Am Rande des Geländes steht Michaela Wiezorek und beobachtet das Treiben auf der Baustelle. Im vergangenen Juli wurde die 60-Jährige zur neuen Bürgermeisterin der größten Stadt im Landkreis Dahme-Spreewald gewählt. Sie weiß, dass die Schule nur eine von vielen Stellschrauben ist, an denen derzeit in der Flughafenregion gedreht wird– und nicht einmal die einzige in der Stadt selbst.

„Wir spüren den Einfluss des BER mehr als deutlich“, sagt Wiezorek. Seit 2016 lebt die studierte Ingenieurin in Königs Wusterhausen, zunächst in verschiedenen Fachbereichen der Verwaltung. Schon damals habe sich abgezeichnet, dass man nicht mehr schrumpfen, sondern wachsen würde. Genau das passierte auch: Innerhalb von fünf Jahren kamen rund 2000 neue Einwohnerinnen und Einwohner hinzu. Fast 1000 neue Gewerbe wurden seit 2011 in der Stadt angemeldet.

Die „irren Chancen“ ihrer neuen Wahlheimat faszinierten Wiezorek von Beginn an, doch auf ihren Schultern lastet hoher Druck. Die gebürtige Berlinerin soll Königs Wusterhausen an einem entscheidenden Punkt seiner Geschichte in richtige Bahnen lenken. Um dem Zuzug von Menschen und Unternehmen gerecht zu werden, steht der Stadt einiges an potenziellem Bauland zur Verfügung. Viele der Flächen befinden sich laut Verwaltung allerdings in bisher ungeplanten Gebieten, die erst genehmigt werden müssten. „Außerdem gibt es eine nicht unerhebliche Zahl von Menschen, die sich nicht darüber freuen, wenn Freiflächen verschwinden“, sagt Wiezorek. Als Hemmnis sehe sie die Umweltverbände aber nicht. Generell müsse man sich in Deutschland mehr Zeit im Vorfeld von Neubauten und Ansiedlungen nehmen. „Wir wollen uns erst klarmachen, was genau wir eigentlich bauen wollen, bevor wir vorschnell loslegen.“

Nicht alle freuen sich, wenn freie Flächen zugebaut werden

Die Bürgermeisterin ist also gezwungen, mit ihrem Platz zu haushalten. In der Politik diskutiere man darüber, wie viel Verdichtung man Königs Wusterhausen zumuten könne, sagt sie. Die Stadt suche unlängst nach Lösungen abseits der klassischen Einzelhaussiedlung: „In jedem großen Einfamilienhaus, das für eine Familie mit drei Kindern geplant wird, leben in spätestens fünfzehn Jahren nur noch zwei Personen.“ Oft würden dann auch noch die Kinder im Ort bauen wollen und selbst weitere Einzelflächen beanspruchen.

Die Zukunft soll stattdessen darin bestehen, wohnen und arbeiten städtebaulich zu vereinen. „Wir wollen nicht nur eine Wohnstadt für Leute werden, die in Berlin oder am Flughafen arbeiten“, sagt Wiezorek. Nach wie vor sind diejenigen, die Königs Wusterhausen morgens verlassen, um zur Arbeit zu fahren, in der deutlichen Überzahl: Etwa 6500 Einpendler stehen laut Angaben der Stadt 11000 Auspendlern gegenüber.

Dabei muss sich Königs Wusterhausen keineswegs verstecken. Rund 1150 Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen sind laut der Stadtverwaltung direkt vor Ort vertreten. Die meisten Einwohnerinnen und Einwohner arbeiten im Gesundheits- und Pflegesektor. Auch die Stadtverwaltung selbst stellt einen relativ großen Arbeitgeber dar. Nichtsdestotrotz kommen die größten Impulse vom BER selbst. Wiezorek sagt: „Dieser Flughafen ist eben nicht nur ein Flughafen.“ Um das Terminal herum entstünden Arbeitsplatzchancen für unterschiedlichste Berufsbilder. Verstärkung kommt laut der Bürgermeisterin zudem aus östlicher Himmelsrichtung. Tesla ziehe nicht nur den klassischen Mechatroniker, sondern auch viele junge und experimentierfreudige Menschen an: „Sie wollen teilhaben an der Vision, die Tesla mit den Autos ja gleich mitverkauft.“ Darüber, wie weit die Vision am Ende tragen wird, ist sich die Bürgermeisterin nicht sicher. Das Verhältnis zwischen Jung und Alt, in Königs Wusterhausen noch klar zugunsten der Alten gepolt, dürfte Tesla aber beeinflussen.
Gebürtige Berlinerin. Michaela Wiezorek ist seit Juli Bürgermeisterin der größten Stadt im Landkreis Dahme-Spreewald.
Gebürtige Berlinerin. Michaela Wiezorek ist seit Juli Bürgermeisterin der größten Stadt im Landkreis Dahme-Spreewald.
Geht es um den BER, lassen sich in der Stadt zwei Fronten erkennen: „Den Alteingesessenen war schon immer bewusst, dass der BER dazugehört und welche Chancen er mit sich bringt“, sagt Wiezorek. Schon zu DDR-Zeiten habe Königs Wusterhausen dank Schönefeld zur Flughafenregion gezählt. Die Zugezogenen hingegen sähen den Airport meist als Bedrohung für die eigene Suche nach Stille und Erholung. „Inzwischen gibt es aber auch unter den Befürwortern viele Enttäuschte“, fährt die Bürgermeisterin fort, „weil Versprechen gebrochen wurden.“ Eigentlich sollten Königs Wusterhausen von den Flugrouten verschont bleiben, es wurde deshalb aus den Schallschutzmaßnahmen ausgeklammert. Nun dröhnt es doch über den Brandenburger Dächern.

Vieles von dem, was in Königs Wusterhausen seit der Eröffnung des Flughafens geschehen ist, wurde bereits mit langem Vorlauf geplant. „Corona hat das alles ein bisschen ausgebremst“, sagt Wiezorek, „aber von Stillstand konnte hier zu keinem Zeitpunkt die Rede sein.“

Allmählich jedoch scheint der Zug wieder ins Rollen zu kommen. Wiezorek hat festgestellt, dass Investoren immer stärker auf eine schnelle Umsetzung ihrer Ideen pochen. Neben einer kritisch hinterfragenden Stadtgesellschaft steht ihnen in Königs Wusterhausen ein massiver Mangel an Fachkräften entgegen.

Obwohl viele Kommunen in Brandenburg mit dem Problem zu kämpfen haben, sieht die Bürgermeisterin ihre eigene Stadt besonders betroffen: „Bei uns ist der Handlungsdruck einfach besonders hoch.“ Kaum eine Branche sei von den Löchern verschont geblieben.

Verbesserungsbedarf besteht auch beim Kernthema ÖPNV. Jüngst habe man im Stadtrat zwar einen Beschluss für gebündelte Verkehrskonzepte verabschiedet, sagt Wiezorek. Doch: „Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen.“ Die Stadt ist darauf angewiesen, mit den örtlichen Verkehrsbetrieben zu sprechen und zusammenzuarbeiten. Die zwischenzeitige Überlegung, selbst ein Verkehrsunternehmen zu gründen, um den Ausbau voranzubringen, ist laut der Bürgermeisterin wieder vom Tisch. Man könne die Zukunft nur gemeinsam mit dem Landkreis und den angrenzenden Kommunen gestalten. „Der BER ist Fluch und Segen zugleich“, erklärt Wiezorek schließlich. „Jetzt müssen wir so handeln, dass wir mehr vom Segen haben als vom Fluch.“
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Allmählich löst sich die Bremse

Ein Jahr nach Eröffnung entwickelt sich das Umfeld des Flughafens positiv – trotz jüngster Probleme bei der Passagierabfertigung. Investitionen ziehen an

Die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen. Das steht ein Jahr nach der lang ersehnten Eröffnung des neuen Berliner Flughafens fest. Dass der Airport nicht nur unter niedrigen Passagierzahlen leiden musste, zeigt der Blick auf das Cargo-Center der Hauptstadt. Hier werden bereits seit 2013 die Luftfracht von UPS und Fedex sowie die Beiladung zu Passagierflügen in Schönefeld abgefertigt. Bis zu 100 000 Tonnen Luftfracht können im Cargo-Center pro Jahr laut Angaben der Flughafengesellschaft bewältigt werden.

Doch der durch Corona verursachte Rückgang des Welthandels hat sich auch auf Berlin ausgewirkt. Über die Frachtanlagen der Berliner Flughäfen wurden 2020 rund 27 Prozent weniger Luftfracht per Flugzeug und LKW verladen. Im September 2021 habe man laut BER nun rund 35 Prozent mehr über den Luftweg transportieren können als noch im Jahr zuvor. Zugleich befänden sich die Werte aber noch zu 25 Prozent unter denen von 2019, da die Langstreckenflüge und damit deren Frachtkapazitäten erst nach und nach zurückkehren (etwa Singapur wieder ab 20. Oktober nonstop mit Scoot, New York am Mitte März 2022 mit United).

Zieht man die zuletzt widrigen Bedingungen in Betracht, erfüllt Berlins neuer Flughafen die Erwartungen der Expertinnen und Experten. So zeigt man sich bei der Wirtschaftsförderung Land Brandenburg GmbH (WFBB) zufrieden: „Das Flughafenumfeld entwickelt sich erfreulich positiv“, heißt es auf Nachfrage des Tagesspiegels. An den eigenen Einschätzungen von habe sich seit der Eröffnung nichts verändert.

In der Region rund um den Aiport sind 6400 neue Arbeitsplätze entstanden

Das Pendant der WFBB in der Hauptstadt, die Berlin Partner, kommt zum gleichen Schluss. Da die Pandemie vieles nach hinten verschoben habe, stehe man mehr oder weniger an derselben Stelle wie vor einem Jahr. Nicht wenige Unternehmungen im Zusammenhang mit dem Flughafen seien aufgrund der Pandemie „on hold“ gesetzt worden.

Dass sich nun die angezogene Handbremse allmählich lockert, lässt sich laut dem Geschäftsführer der Berlin Partner, Stefan Franzke, unter anderem am investierten Wagniskapital erkennen. „Mit einer Verdreifachung des Investitionsvolumens von 1,2 auf 4,1 Milliarden Euro allein im ersten Halbjahr von 2021 haben wir wieder einmal eine neue Rekordmarke erreicht“, sagt Franzke. „Ich freue mich auf das, was da noch drin ist.“

Gemeinsam verzeichnen die Wirtschaftsförderung Land Brandenburg und Berlin Partner für das Jahr 2020 insgesamt 128 Ansiedlungs- und Expansionsprojekte. Zugleich wurden 6432 neu geschaffene Arbeitsplätze in der Airport Region gemeldet. Nach wie vor hoffen die beiden Gesellschaften auf zusätzliche Langstreckenverbindungen. Ziel müsse es sein, den BER langfristig als großen Hub neben Frankfurt am Main und München zu etablieren. Ein Großteil der Businesspassagiere, die in Frankfurt landeten, suchten im Anschluss den Weg in die Hauptstadt.

Wie die Flughafengesellschaft argumentiert, liegt der BER für Fracht von und nach Osteuropa und Asien geografisch günstig in Europa. Über 50 Prozent aller Luftfracht-Exporte aus dem Einzugsbereich des BER gehen heute bereits nach Asien und stellen somit ein immenses Potenzial für neue Flugverbindungen dar. Über die Flugrechte, die Berlin zu einem Langstrecken-Hub machen könnten, entscheidet letztlich jedoch das Verkehrsministerium.

Berlins neuer Airport selbst kennt bisher lediglich den Ausnahmezustand. Daran, ob er größeren Passagieraufkommen wie in Zeiten vor Corona gewachsen ist, haben die letzten Tage Anlass zu zweifeln gegeben. Zum Start der Herbstferien klagten Flugreisende über lange Schlangen und chaotische Zustände am BER. Auch nach dem Abklingen der Pandemie dürften sowohl dem Flughafen als auch der Region weitere Herausforderungen bevorstehen. Patrick Volknant
Fotos: Fabian Sommer/dpa, Sven Darme
Erschienen im Tagesspiegel am 22.10.2021