UNO-Flüchtlingshilfe

Wir sind nicht machtlos

Geflüchtete sind heute mehr denn je auf Empathie und Solidarität angewiesen. Bereits kleine Spenden können Großes bewirken

Von Peter Ruhenstroth-Bauer

Überfüllte Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln, seeuntüchtige Boote auf dem Mittelmeer, vor Krieg und brutaler Gewalt Fliehende im Nahen Osten, Afrika, Asien und Lateinamerika: Diese Bilder begleiten uns immer wieder, wenn es in den Medienberichten um das Thema Flucht und die Schicksale von Schutzsuchenden geht.

Fast 80 Millionen Menschen sind heute nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) weltweit auf der Flucht.1980, im Gründungsjahr der Uno-Flüchtlingshilfe, waren es etwas mehr als neun Millionen Menschen. Die Herausforderungen für die Flüchtlingshilfe sind gigantisch – und wir können davon ausgehen, dass diese Entwicklung anhält. Immer neue Gründe treiben Männer, Frauen und Kinder in die Flucht. Waren es bisher überwiegend Krieg und Gewalt, zwingen heute oft die Folgen des Klimawandels wie Dürre und darauffolgende Hungersnöte sowie Nahrungskämpfe Familien dazu, ihre Heimat zu verlassen. Auch tauchen immer neue Krisenherde auf. So ließ der Exodus der Rohingya aus Myanmar vor drei Jahren und ihre Flucht ins benachbarte Bangladesch in kürzester Zeit das größte Flüchtlingscamp der Welt entstehen: In Kutupalong im Südosten Bangladeschs leben zurzeit 630 000 Geflüchtete. Dies entspricht etwa der Einwohnerzahl von Düsseldorf. Nun wütet überall eine neue, unsichtbare Gefahr: Covid-19 bedroht vor allem diejenigen, die kein sicheres Zuhause haben und in Camps ausharren.

Angesichts solcher Bilder und der jährlich wachsenden Zahl an Menschen auf der Flucht, verzweifeln manche und stellen die Frage nach der Wirkung der Hilfe. Das beste Mittel gegen die Hoffnungslosigkeit sind Gespräche mit den Menschen, die Schutz und Sicherheit suchen. Diese Erfahrung konnte ich vergangenes Jahr im jordanischen Camp al Azraq machen, wo sich rund 40 000 syrische Flüchtlinge vor dem nicht enden wollenden Bürgerkrieg in Sicherheit bringen konnten. Da war die Apothekerin aus Damaskus, die jetzt eines der Gesundheitszentren in dem Flüchtlingscamp organisiert. Oder der kleine Junge, der mir voller Stolz seinen Schlafplatz zeigte – eine einfache Bastmatte, die ihm die UNHCR-Helferinnen und Helfer gegeben haben, als er mit seiner Familie im Camp ankam. Er musste nicht auf dem nackten Boden liegen.

Mit dem Besuch in al Azraq konnten wir sehen, wie unmittelbar das Spendengeld eingesetzt wird, dass von den vielen Unterstützerinnen und Unterstützern der Uno-Flüchtlingshilfe jeden Monat aufgebracht wird. Hier spürt man hautnah, wie die Hilfe wirkt und das Leben von Menschen konkret verändert. Bereits drei Euro machen den Unterschied. So viel kostet eine Schlafmatte, die für den syrischen Jungen eine erste, wichtige Entlastung nach der anstrengenden und lebensgefährlichen Flucht bedeutete.

Drei Euro genügen, damit Kinder im Camp nicht auf dem nackten Boden schlafen

Der Schutz und die Sicherheit, die die Geflüchteten überwiegend in einem Nachbarland erfahren, zeigen, dass das Engagement nicht wirkungslos bleibt. Die erste Nothilfe nach der Flucht, die Versorgung mit Lebensmitteln, die Plastikplane und später das Zelt: Das sind die Schlüssel für den Sinn der Arbeit, die die mehr als 17 000 Helferinnen und Helfer des UNHCR weltweit jeden Tag aufs Neue motivieren. Sie dabei zu unterstützen, ist eine Aufgabe, der sich nicht nur Regierungen, sondern angesichts der immer größer werdenden Flüchtlingszahl, auch zunehmend die Zivilgesellschaften stellen müssen.

Viele Krisen in Ländern, die von Krieg und Gewalt betroffen sind, schaffen es aber nicht mehr, die mediale Beachtung zu erreichen. Für die Uno-Flüchtlingshilfe ist deshalb die Unterstützung für Menschen in den sogenannten „vergessenen“ Krisen von besonderer Bedeutung. Dabei geht es um lang andauernde Katastrophen mit großem humanitären Bedarf. Folge der fehlenden Aufmerksamkeit sind ein eklatanter Mangel an Hilfsgütern und finanzieller Unterstützung. Oft ist auch kein politischer Wille zu erkennen, diese Krisen zu beenden. Die Demokratische Republik Kongo ist Beispiel für eine dieser Dauerkrisen, die kaum noch in den Medienberichten auftaucht. Dort gab es nie einen funktionierenden Staat. Das Vertrauen in Institutionen wie Polizei, Militär und Justiz fehlt. Das Land kommt seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe. Die Krise hat inzwischen ein erschreckendes Ausmaß erreicht: Weit mehr als fünf Millionen Kongolesen leben derzeit als Flüchtlinge und Vertriebene.

Auch der Jemen steht nur selten in Schlagzeilen. Dabei ist das Land aktuell Schauplatz der weltweit größten humanitären Katastrophe. Ungefähr 80 Prozent der Bevölkerung – mehr als 24 Millionen Menschen – brauchen Schutz und Hilfe. Landesweit sind etwa zwei Millionen Kinder akut unterernährt.

Im Abseits des Interesses steht ebenfalls der Südsudan. Hilfsgelder fehlen, viele dringend benötigte Hilfsprogramme können nicht umgesetzt werden. Nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen wurde das Land im Jahr 2011 unabhängig vom Sudan. Ein wirklicher Frieden ist aber nicht in Sicht. Fast vier Millionen Menschen, das ist ein Drittel der südsudanesischen Bevölkerung, mussten fliehen – die meisten sind Frauen und Kinder.

Wie hautnah auch wir in Deutschland mit Flucht, ihrer Ursachen und vor allem der Bereitschaft zur Aufnahme von Schutzsuchenden in Berührung kommen, haben wir in der jüngsten Vergangenheit erlebt. 2015 überschlugen sich hierzulande die Ereignisse. Aufgrund des Syrienkrieges, der damals bereits vier Jahre unvermindert anhielt, aber auch wegen der Hoffnungslosigkeit und den zunehmend prekären Lebensverhältnissen in den Aufnahmeländern des Nahen Ostens, machten sich Hunderttausende Menschen auf den Weg. Mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder erreichten auf dem See- und Landweg Europa. Die meisten von ihnen gelangten über die Balkanroute nach Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel sendete ein zentrales Signal der Stärke und Humanität, als sie in ihrer Pressekonferenz sagte: „Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das. Wir schaffen das, und wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden.“

Hetze im Netz, Fremdenhass und Rechtspopulismus treffen die Arbeit der Ehrenamtlichen

Doch die Willkommenskultur, die damals in einer besonderen, empathischen Weise ihren Anfang nahm, ist von den ersten Seiten der Zeitungen und den Top-Meldungen in den Nachrichten längst verschwunden. Dabei brauchen Geflüchtete und Asylsuchende auch hierzulande Unterstützung und Hilfe in jeder Lebenslage. Initiativen und Vereine, die sich um schutzsuchende Menschen kümmern, arbeiten häufig mit ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ihnen fehlt oft das Geld, um die Projekte finanzieren und angemessen durchführen zu können. Der Bedarf ist riesig: Jeder zweite Geflüchtete, der in Deutschland ankommt, ist von den Ereignissen im Heimatland und auf der Flucht traumatisiert. Die Betroffenen leiden an Angstzuständen und Depressionen. Initiativen übernehmen Traumatherapien und andere psychologischen Hilfen, damit die Menschen wieder ins Leben zurückfinden. Andere bieten Beratung für Asylsuchende an, um das komplizierte Verfahren zu verstehen. Sie helfen bei der sozialen Integration, der Jobsuche, bei Behördengängen oder beim Deutschlernen. Die Förderung und Unterstützung auch dieser Projekte ist für die Uno-Flüchtlingshilfe Auftrag und wichtiges Anliegen. Hier ist die Willkommenskultur zu Hause. So lebt das zivilgesellschaftliche Engagement, das für die soziale und wirtschaftliche Integration unerlässlich ist, fort – auch, wenn es in den vergangenen Jahren schwieriger geworden ist, Verständnis und Empathie für Geflüchtete zu wecken. Die immer stärker werdenden rechtspopulistischen Tendenzen, die Hetze im Netz und der Fremdenhass treffen die Arbeit der Ehrenamtlichen und der Initiativen genauso, wie die der Uno-Flüchtlingshilfe. Mit fundierter Informationsarbeit wie dem „Faktencheck“ (uno-fluechtlingshilfe.de/informieren/faktencheck/) und klarer Bekenntnis zu Toleranz und Respekt halten wir dagegen – online und offline.

Ein Bericht des TV-Magazins „Report“ in der ARD mit erschütternden Bildern über Hunger und Elend aus Flüchtlingscamps in Somalia war im Mai 1980 die Geburtsstunde der Uno-Flüchtlingshilfe. Zunächst im Ehrenamt gegründet, führt die weltweite Fluchtsituation dazu, dass sich der kleine Verein bald als eine hauptamtliche Nicht-Regierungsorganisation (NGO) etabliert. Seither wird sie von einem ehrenamtlichen Vorstand geführt, der in seiner Arbeit von einem ehrenamtlichen Aufsichtsrat begleitet wird.

Die Krisen und Konflikte der vergangenen Jahrzehnte haben die Entwicklung der Uno-Flüchtlingshilfe maßgeblich bestimmt. Bis heute leistet die Organisation als nationaler Partner des UNHCR überall da ihren Beitrag, wo Schutzbedürftige vor Krieg, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen fliehen. Zum Beispiel 1999 im Kosovo, dann zwei Jahre später in Afghanistan, seit dem Kriegsausbruch in Syrien und ab 2017 in Bangladesch.

Es sind allein die vielen Unterstützerinnen und Unterstützer, die seit seiner Gründung bis heute die Arbeit des UNHCR durch die Uno-Flüchtlingshilfe regelmäßig fördern. Es sind die vielen tausend Menschen, die mit 15 oder 25 Euro im Monat helfen, Not zu lindern. Es sind aber auch Unternehmen, die mit Großspenden bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Sie alle beweisen, dass man als Einzelner nicht machtlos ist.
                  

Der Autor

Für mehr Humanität

Ruhenstroth-Bauer
Ruhenstroth-Bauer
Peter Ruhenstroth-Bauer Bauer (64) ist Geschäftsführer der Uno-Flüchtlingshilfe, dem deutschen Partner des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). Er studierte Rechts- und Politikwissenschaften in Bonn. In seinem beruflichen Leben war er stets an den Schnittstellen von Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik tätig, arbeitete als Hörfunkjournalist und später als Kommunikations- und Strategieberater für Stiftungen, NGO’s und Verbände. Er war Vize-Regierungssprecher unter Gerhard Schröder und von 2002 bis 2005 Staatssekretär im Bundesfamilienministerium. Ruhenstroth-Bauer ist verheiratet und hat vier Söhne. Tsp
Fotos: UNHCR/Saleh Bahulais, Jim Rakete