House of One

„Religionen haben Friedenskraft“

Kadir Sanci, Andreas Nachama und Gregor Hohberg wollen Christen, Juden und Muslime zusammenbringen. Ein Gespräch über Verständigung, den Nahostkonflikt und die Sehnsucht nach Spiritualität in der Hauptstadt der Gottlosen

Von Aleksandra Lebedowicz

Herr Nachama, Herr Sanci, Herr Hohberg, Sie sind ein Rabbiner, ein Imam und ein Pfarrer. Hand aufs Herz: Wie oft streiten Sie sich?
ANDREAS NACHAMA: Haben wir uns schon richtig gestritten? Ich glaube nicht. GREGOR HOHBERG: Kann mich nicht erinnern.

KADIR SANCI: Ich auch nicht.

Klingt verdächtig harmonisch.
NACHAMA: Der Punkt ist, wir streiten nicht miteinander, sondern gegen andere. HOHBERG: Wir haben ein gemeinsames Ziel. Das verbindet.

SANCI: Und wir haben früh eine Charta formuliert, die bestimmte Spielregeln festlegt. Daran halten wir uns.

NACHAMA: Es ist nicht so, dass irgendeiner von uns die beiden anderen Religionen vorher nicht gekannt hätte. Wir sind keine Newcomer im christlich-jüdisch-muslimischen „Tridialog“.

Nun wagen Sie ein einmaliges Projekt: Sie bauen mitten in Berlin ein Sakralgebäude, das eine Kirche, eine Synagoge und eine Moschee vereint: das „House of One“. Christen, Juden und Muslime unter einem Dach – kann das gut gehen?
SANCI: Ich vergleiche das gern mit einer WG. Dort hat jeder sein eigenes Zimmer, wo er lernen und für sich allein sein kann. Und dann gibt es einen Raum, das ist in der Regel die Küche, wo man zusammenkommt. Dafür trägt man eine gemeinsame Verantwortung. So ist es eigentlich auch im House of One. HOHBERG: Bleibt nur die Frage, wer den Abwasch macht?

NACHAMA: Naja, wir haben das Haus noch nicht. Im Augenblick treffen wir uns häufiger per Zoom, insofern ist der Abwasch noch nicht da. Es kann schon sein, dass wir später im Alltag auf Dinge stoßen, die gelöst werden müssen.

Sie betonen, Sie möchten religiös unvermischt bleiben. Wie meinen Sie das genau?
HOHBERG: Das kann man sehr schön anhand der Architektur erklären: Es gibt in diesem Haus drei getrennte Gebetsräume. Dort können wir, jeder an seinem Platz, unsere Glaubenstraditionen leben. Gleichzeitig gibt es den vierten, zentralen Raum im Haus, wo wir uns begegnen, austauschen und voneinander lernen.

SANCI: Sich zu vermischen, würde eine neue Religion bedeuten. Damit gingen die Toleranz und die Wertschätzung für die Vielfalt verloren. Wir möchten die Gemeinsamkeiten betonen, ohne die Unterschiede zu leugnen. Beides ist wertvoll.
Den Dialog suchen. Imam Kadir Sanci, Rabbiner Andreas Nachama und Pfarrer Gregor Hohberg (von links nach rechts) engangieren sich seit vielen Jahren aktiv für den Austausch und ein gutes Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen.
Den Dialog suchen. Imam Kadir Sanci, Rabbiner Andreas Nachama und Pfarrer Gregor Hohberg (von links nach rechts) engangieren sich seit vielen Jahren aktiv für den Austausch und ein gutes Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen.
Sie streben also keine gemeinsame Theologie an oder eine von Leibniz mal gedachte Religionsunion?
NACHAMA: Nein, das Leibniz’sche Modell wird hier nicht bemüht.

Sie haben die Architektur erwähnt. Böse Zungen vergleichen den Bau mit einem Bunker oder mit dem Turm zu Babel.
HOHBERG: Ou!

NACHAMA: Das ist ein Problem aller markanten Gebäude moderner Architektur. Wenn ich zurückblicke, wie die Berliner 1963 auf den Neubau der Philharmonie reagiert haben, dann war die Resonanz auch nicht besonders positiv. Heute ist das eine Architekturikone. Das hoffen wir für unser Haus auch.

Wie gefällt Ihnen der Entwurf?
HOHBERG: Im Äußeren ist es natürlich reduziert auf eine archaische Grundform. Damit wird auch der Umgebung Tribut gezollt. Das Haus steht direkt an der Gertraudenstraße, mitten im tosenden Verkehr. Die Idee der Architekten war, einen geschützten Innenraum zu schaffen, in dem eine große Offenheit herrscht. Das ist gut gelungen. Wer reingeht, fühlt sich wie im Zentrum eines kleinen Dorfes und findet dennoch einen stillen Winkel. Es wurde heftig diskutiert um die eingesandten Entwürfe. Meistens verlief die Streitlinie zwischen Theologen und Architekten. Nur beim Entwurf von Kuehn Malvezzi, den wir jetzt realisieren, waren sich alle einig.

NACHAMA: Es gibt schon gewisse Unterschiede in den drei Sakralräumen. In der Moschee sitzt man auf dem Boden. In der Kirche soll eine möglichst konzentrierte Stimmung herrschen, und in der Synagoge soll helles Licht sein. Der Entwurf spiegelt diese Nuancen wider.

SANCI: Ziegelstein und natürliches Licht sind zwei verbindende Elemente. Ein Beispiel: Wie viel Sonnenlicht in die Gebetsräume fällt, ist sehr unterschiedlich, aber überall kommt es von oben herab. Hätten wir viele Fenster, wäre diese Symbolik nicht möglich.

Wie entstand denn überhaupt die Idee zum House of One?
NACHAMA: Die Antwort ist ganz einfach: Sie kam von Gregor Hohberg.

Wie Sind Sie darauf gekommen?
HOHBERG: Manche Ideen liegen einfach in der Luft. So war das damals in meiner Gemeinde, der Marienkirche am Alexanderplatz. Es kamen Muslime und wollten bei uns beten. In unserer evangelischen Kita gab es jüdische Kinder, säkulare sowieso. Es war klar: Die Gesellschaft ist bunt und verändert sich. Wir haben überlegt: Was an unserer Botschaft interessiert die Menschen? Was sind ihre Fragen? Eine war fast mit den Händen greifbar: Wie kann ein Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen in dieser Stadt gelingen?

Dann begannen die Ausgrabungen rund um die alte Petrikirche. 700 Jahre stand sie im Herzen des mittelalterlichen Cölln. Ihre Ruine wurde 1964 in der DDR gesprengt. Wollten Sie sie nicht wieder aufbauen?
Nein. Uns schwebte ein Haus für mehrere Religionen vor. Ich habe die Ausgrabungsstätte damals mit Wolfgang Grünberg besucht, der leider verstorben ist. Er war Theologieprofessor und ein Lehrer von mir. Wir haben dort zusammen fantasiert. Er ist Teil dieser Idee. 2009 gab es eine Abstimmung in der Gemeindeversammlung. Die Mehrheit fand das Projekt eines Mehrreligionenhauses toll – und trägt es bis heute mit Eifer mit.
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Hat diese rege Zustimmung auch mit der Ostgeschichte Ihrer Gemeinde zu tun?
HOHBERG: Ja, das ist schon eine prägende Kraft. Wir haben im Osten in einer Kirche gelebt, die einerseits im Widerspruch zur offiziellen Staatsdoktrin stand und waren immer wieder dazu herausgefordert, uns zu ihrem Glauben zu bekennen. Auf der anderen Seite lebte sie auch davon, dass sie sich weit öffnete für alle Gruppen, die nicht so einfach in das DDR-Schema passten, von Punkkonzerten, über Umwelt- und Demokratiebewegungen, bis hin zu Buddhisten: Alles traf sich in den Räumen der evangelischen Kirche. Dadurch war eine grundsätzliche Offenheit für Menschen gegeben, die ganz anders unterwegs waren.

SANCI: Gregor Hohberg und seine Gemeinde sind von vornherein einen Schritt zurückgetreten. Sie haben schnell Partner gesucht und uns voll in die Planung eingebunden.

Es gab viel Kritik, dass die muslimische Seite mit nur einem Verein vertreten ist, der die Gülen-Bewegung unterstützt.
SANCI: Ich würde die ganze Friedensarbeit nicht auf das House of One reduzieren. Es gibt unterschiedliche Wege, den Dialog auszuleben. Wir haben bereits viele Menschen inspiriert, auch meine Kritiker. Als ich vor zehn Jahren in Berlin angekommen bin, war der jüdisch-muslimische Dialog eine Seltenheit. Heute, wenn wir ein Friedensgebet veranstalten, folgen immer mehr Muslime unserer Einladung. Wir haben auch mit Schiiten und Sunniten Workshops gemacht, um zu verstehen, was für sie in einer Moschee wichtig ist. Nicht jeder muss diesen Weg mit uns gehen, wichtig ist nur, dass es ein Friedensweg bleibt.

NACHAMA: Wir bauen das Haus, um ein Zeichen zu setzen. Ich bin zuversichtlich, dass im Laufe der Jahre aus diesem Schneeball ein immer größerer wird.

Bilder aus Israel und Palästina machen gerade wenig Hoffnung. Auch in Berlin kam es zu Ausschreitungen. Wie sehen Sie da die Rolle des House of One?
HOCHBERG: Aufklärung ist das A und O. Wir pflegen sehr wertvolle, aber auch sehr alte Traditionen. Wir müssen sie in unsere Zeit übertragen, den Kern herausschälen. Das darf man nicht den Fundamentalisten überlassen, die zweitausend Jahre alten Sätze eins zu eins verstehen. Du hat es mal gesagt, Andreas: Jede gute Idee kann auch missbraucht werden.

NACHAMA: Der eigentliche Kern dessen, was wir tun, ist ein zwischenmenschlicher. Damit ist es natürlich politisch, aber nicht parteipolitisch. Was im Nahen Osten passiert, ist inzwischen kein Nationalismus, sondern Tribalismus. Als Historiker würde ich immer sagen: Bricht irgendwo Krieg aus oder schlagen Konflikte in rohe Gewalt um, dann haben die Politiker versagt. Wir sind dazu verpflichtet, die Schöpfung zu retten, indem wir zeigen, dass es auch miteinander geht.

HOHBERG: Es ist jeder Mühe wert, im Gespräch zu bleiben. Solange dieser Faden nicht reißt, sondern dicker wird, mache ich mir um den Zusammenhalt in der Gesellschaft keine Sorgen. Religionen haben eine unglaubliche Friedenskraft. Die allermeisten Menschen auf der Welt sind religiös – und die allermeisten von ihnen leben friedlich. Das geht viel zu oft unter.
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Ausgerechnet Berlin gilt als die Stadt der Ungläubigen. Ist das neue Bet- und Lehrhaus hier überhaupt gut aufgehoben?
HOHBERG: Es wird immer gesagt, Berlin sei so eine wahnsinnig säkulare Stadt, doch das ist nur die halbe Wahrheit. SANCI: Menschen von mehr als 300 Religionsgemeinschaften leben hier.

Aber die Kirchen werden immer leerer.
HOHBERG: Es gibt in Berlin diese diffuse Religiosität, die man an jeder Ecke beobachten kann, wo sich die Sehnsucht nach Spiritualität wirklich Bahn bricht. Das meine ich gar nicht abfällig. In Yoga-Zentren wird neben Buddha Jesus zitiert. Das zeigt, dass die Grenze eher zwischen den Menschen verläuft, die auf der Suche sind, und denen, die gar nichts mehr suchen. Es heißt: Berlin ist die Stadt der Wunden und der Wunder. Das trifft es gut. Wir sind gern auf der Seite der Wunder.

Und wo sehen Sie die Grenzen der Verständigung?
HOHBERG: Wir sind eine Gruppe von zehn Mitarbeitern. Je mehr Menschen mitmachen – Katholiken, Atheisten, Baptisten, Orthodoxe –, desto weiter können wir diese Grenzen stecken.
            

Auf einen Blick

Die Stiftung

Träger des Projektes „House of One“ ist die 2016 gegründete Stiftung „House of One – Bet- und Lehrhaus Berlin“.

Zum Stiftungsrat gehören Pfarrer Gregor Hohberg (Evangelische Kirchengemeinde St. Petri – St. Marien), Rabbiner Andreas Nachama (Jüdische Gemeinde in Berlin) und Imam Kadir Sanci (Forum für Interkulturellen Dialog). Die Stiftung ist aus dem Verein „Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin e. V.“ hervorgegangen. Tsp
                 

Editorial

Licht der Hoffnung

Unter den Kindern Abrahams stechen zwei heraus: Ismael, der Erstgeborene, Stammvater der Araber und auch Mohammeds – und Isaak, auf den sich über Jakob und Josef die Israeliten zurückführen. Sie alle verehren den gleichen Gott, wie natürlich auch die Christen, die sich aus dem Judentum entwickelt haben. Viele Namen, ein Gott– diese schlichte Tatsache geriet trotz Phasen friedlicher und fruchtbarer Koexistenz im Laufe der Jahrhunderte immer mehr in den Hintergrund. Im Verhältnis der drei monotheistischen Religionen dominieren Eroberungen, Kreuzzüge, Pogrome, Völkermord, Ausgrenzung und Unverständnis – bis heute.

Wie ein Licht der Hoffnung wirkt da die Idee, in Berlin ein Haus für alle drei Glaubensrichtungen zu schaffen. Auf dem Petriplatz, wo die Stadt gegründet wurde und der heute ein verkehrsumtoster, wahrlich gottverlassener Ort ist. Ein Haus, das Gemeinsamkeiten betont und Unterschiede nicht einebnet. Nach zehn Jahren Vorbereitung wird die Vision an diesem Mittwoch Realität, der Grundstein zum House of One gelegt. Auf vier Seiten stellen wir nun die religiösen, architektonischen und städtebaulichen Dimensionen des Projekts vor. uba
Foto: Sven Darmer