Tag der Pressefreiheit - Stimmen des Exils

„Das gefährlichste Land“

Verfolgung, Folter, Tod: Wie einheimische und ausländische Journalisten in und außerhalb Syriens DRANGSALIERT werden – und was Europa dagegen tun kann

Von Samer Masouh

Herr Al Hussein, Syrien gilt als das gefährlichste Land der Welt für Journalisten und Journalistinnen. Sie leiten das Syrische Zentrum für Pressefreiheit. Was bedeutet Pressefreiheit für Sie und was macht Ihre Organisation?
Eine unabhängige, freie Presse ist einer der wichtigsten Eckpfeiler jedes Landes. Fehlende Medienfreiheit und die mangelnde Unabhängigkeit der Justiz in Syrien waren die Hauptgründe, weswegen Syrien in die Dunkelheit der Tyrannei und der Korruption abrutschte– und zwar seit das Militär die Macht in Syrien übernahm. Dagegen richtete sich die Revolution 2011. Unser Zentrum verteidigt das Recht der Journalisten, ihrer Arbeit frei und unabhängig nachzugehen. Wir setzen uns dafür ein, dass in der künftigen Verfassung Syriens Meinungsfreiheit und das Recht auf Informationen garantiert wird. Vor allem dokumentieren wir aber Menschenrechtsverletzungen gegen syrische Journalisten und Journalistinnen.

Wie ist die Lage in Syrien? Welche Unterschiede gibt es zwischen Gebieten, die vom Regime kontrolliert werden, und denen, die nicht mehr unter der Kontrolle des Regimes stehen?
Zu Beginn der Revolution wurden Verstöße nur vom Regime begangen. Die Sicherheitskräfte setzten alles daran, unabhängige Stimmen zum Schweigen zu bringen, und verfolgten Medienschaffende hart. Dann entstanden Gebiete, in denen andere Gruppen das Sagen hatten. Auch sie wollten die Medien kontrollieren. Syrien wird zu Recht als gefährlichstes Land für Journalisten eingestuft. Allerdings muss ich hinzufügen, dass es qualitative Unterschiede gibt. Das Regime ist zusammen mit seinem russischen Verbündeten, das belegen unsere Berichte deutlich, für die schwersten Verstöße verantwortlich: Mord, Folter, schwere Körperverletzung und gezielte Bombenangriffe auf Redaktionsgebäude. In den Gebieten, in denen andere Gruppierungen wie beispielsweise die Al Sham Brigade herrscht, handelte es sich um Einschüchterung und Inhaftierung von Journalisten. Sie wurden in der Arbeit behindert oder daran, ihre Zeitungen zu verbreiten.

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Ibrahim Al Hussein (52) leitet das Syrische Zentrum für Pressefreiheit. Bis 2013 war der Absolvent der juristischen Fakultät in Damaskus als Richter und Anwalt in Syrien tätig. Das Gespräch führte „Amal, Berlin!“-Redakteur Samer Masouh.

Wie sieht es in den Nachbarländern aus? Sind syrische Journalisten in Jordanien, Türkei, Libanon und Irak sicher?
Leider nein. In den Nachbarländern zu arbeiten war und ist für syrische Journalisten ebenfalls gefährlich. Wir haben von Mitte März 2011 bis Ende 2020 insgesamt 59 Verstöße gegen syrische Journalisten außerhalb Syriens registriert. In der Türkei allein gab es 29 Verstöße, im Libanon zehn, in Jordanien sechs und im Irak vier Verstöße. In Ägypten und Tunesien wurden jeweils zwei begangen. Dabei sind die Verstöße unterschiedlich: Es gab fünf Tote und 15 zum Teil schwerverletzte Journalisten. 23 Kollegen wurden festgenommen und 16 Journalisten wurde entweder die Einreise verweigert oder sie wurden ausgewiesen und an der Berichterstattung gehindert.

Was ist mit den ausländischen Journalisten, die sich mit syrischen Angelegenheiten beschäftigen, sind sie ebenfalls Verstößen ausgesetzt?
Natürlich. Sie wurden wie ihre syrischen Kollegen misshandelt, waren ebenfalls ständig Gefahren und Risiken ausgesetzt – Gefahren wie Tötung, Verletzung während der Berichterstattung, Inhaftierung und Entführung. Egal, von wo in Syrien sie berichteten. Zudem wurden sie oft daran gehindert, ihre Arbeit zu machen. Diese Verstöße wurden nicht nur vom Regime, sondern von allen Parteien in Syrien begangen. Im vergangenen Jahr veröffentlichte das Zentrum einen Sonderbericht zu diesem Thema. Ziel ist, daran zu erinnern, welche Opfer arabische und ausländische Journalisten bringen. Es zeigt auch, welche wichtige Rolle ausländische Journalisten spielen, wenn es um die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen geht. Insgesamt wurden 72 Verstöße gegen ausländische Journalisten in Syrien registriert; darunter 20 getötete und zehn schwer verletzte Journalisten.

Was kann Europa, was kann Deutschland tun, um Journalisten und Journalistinnen in Ländern wie Syrien besser zu schützen?
Deutschland spielt eine wichtige Rolle. Kriminelle, die für die Verbrechen gegen Journalisten in Syrien verantwortlich sind, dürfen nicht straflos davonkommen. Ihnen muss der Prozess gemacht werden; zum Beispiel im Gericht in Koblenz (siehe Artikel unten, Anmerkung der Redaktion). Deutschland und Europa sollen sich zudem dafür einsetzen, dass internationale Resolutionen zum Schutz von Journalisten verabschiedet werden. Deutschland ist ein wichtiges Land, das dazu beitragen könnte, diese Forderungen durchzusetzen und syrischen Journalisten zu helfen. Zudem geht es um ganz praktische Hilfe: Journalisten, die aus Angst um ihr Leben oder das ihrer Familie fliehen mussten, brauchen finanzielle Unterstützung. Syrische Journalisten und Journalistinnen sind besonders gefährdet und brauchen daher besonderen Schutz.

— Aus dem Arabischen von Karin El Minawi. Auf der Internet-Seite des Projekts „Stimmen des Exils“ (www.tagesspiegel.de/stimmendesexils) finden Sie weitere Beiträge, unter anderem einen Artikel von „Amal, Berlin!“-Redakteur Khalid Alaboud über Journalismus im Exil. Amloud Alamir, ebenfalls Redakteurin bei der Nachrichtenplattform „Amal, Berlin!“ hat ein Video zum Thema gedreht. Sie sagt: Die roten Linien haben wir hinter uns gelassen, Journalistinnen, die aus Syrien nach Deutschland geflohen ist, tun sich viele neue Freiheiten auf. Aber auch bei ihrer Arbeit in Deutschland stoßen sie an Grenzen. Dabei handelt es sich nicht um Zensur und Verbote, sondern Hürden wie Sprache und Herkunft.
               

Mein EXIL

Ich habe mehr zu bieten

NAZEEHA SAEED durfte in Bahrain nicht frei berichten. Aber auch hier gibt es Grenzen
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Zwei Jahre nachdem ich begonnen hatte, als Journalistin in Bahrain zu arbeiten, verkündete der König Großes: Es würde politische Reformen geben, die die kleine Insel im Golf von Arabien in eine konstitutionelle Monarchie verwandeln würden. Wir würden ein Parlament, Pressefreiheit, Demokratie haben! Das hoffte ich damals, vor zwanzig Jahren. Doch dann sahen wir, wie die Gesetze so gemacht wurden, dass das Königshaus die Kontrolle über den Wahlprozess behielt und entscheiden konnte, wer ins Parlament kam und wer nicht. In dieser Zeit gewöhnte ich mich an die Schere im Kopf, an Selbstzensur, ich wusste, über welche Themen ich schreiben konnte und welche ich besser ignorieren sollte.

Ich bin eine gute Journalistin, schnell, recherchestark, ich finde leicht den Weg zu Menschen und Geschichten. Aber ich konnte nicht über die Menschen berichten, die gegen die undemokratischen Wahlen protestierten, weil die Zeitung, für die ich arbeitete, diese Geschichten nicht haben wollte – genausowenig wie das Königshaus.

Als ich begann, für internationale Medien zu arbeiten, gewann ich etwas mehr Freiheit. Ich lernte, auch kritische Geschichten so zu schreiben, dass die Behörden keinen Anstoß daran nahmen– sonst hätten sie mich mit Berufsverbot bestraft. Im Laufe der Jahre lernte ich alle Tricks, welche Wörter ich benutzen durfte und welche nicht, um Ärger mit den Behörden zu vermeiden. Hin und wieder bekam ich dennoch Anrufe oder Besuche, in denen mir mitgeteilt wurde, dass ich dieses oder jenes Thema besser nicht behandeln solle, wenn ich weiter als Journalistin arbeiten wolle.

Der Wendepunkt für mich kam 2011. Zehntausende gingen damals auf die Straße und demonstrierten für Freiheit und Demokratie, und es war logisch für mich, dass ich über diese größte politische Bewegung in Bahrain in den letzten fünfzig Jahren berichten musste, den Menschen eine Stimme geben, ihre Forderungen weitertragen musste, jenseits der offiziellen Stellungnahmen und Pressekonferenzen. Aber dafür wurde ich bestraft, verhaftet, gefoltert. Ich war nicht die einzige, viele Kolleginnen und Kollegen wurden verhaftet, weil sie über die Demokratiebewegung geschrieben hatten. Meine Geschichte in Bahrain endete 2016, als die Behörden ihre Drohung wahrmachten, mir meine Akkreditierung entzogen und mir Berufsverbot erteilten.

Ich habe daraufhin mein Land verlassen, mit einem einzigen Ziel: meine Arbeit fortzuführen. Mir war egal, in welches Land ich gehen würde, sofern ich dort die Freiheit finden würde, die Geschichten zu schreiben, die ich wichtig finde. Nie wieder sollten mich Behörden anrufen, um sich über meine Artikel zu beschweren und mich zu bedrohen!

In Deutschland ist das zum Glück nicht der Fall. Aber das heißt nicht, dass der Kampf vorüber ist. Im Exil gibt es andere Herausforderungen. Wir gehen ins Exil, weil wir zu Hause nicht sicher sind, weil wir unsere Arbeit nicht tun können – und wir treffen auf andere Schwierigkeiten: Wie sollen wir hier einen Job finden, wenn wir die Sprache nicht perfekt beherrschen, wenn die Medienhäuser uns höchstens als gelegentliche Freie beschäftigen möchten? Ich werde immer als Journalistin vom Golf angesehen – ja, das bin ich, und ich liebe es, über die arabische Welt und über Genderthemen zu schreiben. Aber heißt das, dass ich nur über diese Themen berichten darf? Ich habe viel mehr zu geben. Mich interessieren so viele Themen in dem Land, das meine neue Heimat geworden ist.

— Aus dem Englischen von Dorothee Nolte.
           

Stimmen des Exils: das Projekt

Deutschland ist zum Zufluchtsort für bedrohte Journalist:innen geworden. Der Tagesspiegel und die Körber-Stiftung möchten sie mit der Serie „Stimmen des Exils“ zu Wort kommen lassen. Der Tagesspiegel hat seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist:innen unter dem Titel #jetztschreibenwir veröffentlicht. Die Körber-Stiftung führt Programme durch, mit denen die journalistischen, künstlerischen und politischen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland gestärkt werden. Dazu zählen Kooperationen mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“ und „Amal, Hamburg!“. Weitere Formate sind das „Exile Media Forum“, die „Tage des Exils“ und „Exil heute“. D.N.

www.koerber-stiftung.de/exil und www.tagesspiegel.de/stimmendesexils
Fotos: Maurizio Gambarini (dpa), Abdul Ghafoor Sharnaki, Stefan Weger