House of One

Am liebsten alle an einem Tisch

Wie unterscheiden sich Christentum, Judentum und Islam? Drei junge Frauen klären auf – und machen dazu einen Podcast. Fragen sind erwünscht

Von Hella Kaiser

Wenn wir die verflixte Pandemie endlich im Griff haben, wird Rebecca Rogowski wieder Gäste einladen können. Und zu gern wäre man dabei: Denn: Was tischt sie dann auf zu einem Shabbat Dinner? Freunde und Freundinnen heißt sie dazu willkommen, ob sie jüdischen Glaubens sind oder nicht, das spiele keine Rolle. „Ganz egal, es geht nur darum, wen ich mag.“ So handelt auch die islamische Theologin Kübra Dalkilic während des Ramadans. Beim Iftar, dem Fastenbrechen, sind immer auch Nichtmuslime dabei. „Es ist wichtig, mit anderen am Tisch zu sitzen. Nirgends steht geschrieben, dass man nur Menschen der eigenen Glaubensrichtung besuchen soll.“ Für Maike Schöfer, die eine Ausbildung zur evangelischen Pfarrerin absolviert, ist das genauso selbstverständlich.

Was Religion jeweils für die drei Frauen bedeutet und wie sie in ihren Alltag einfließt, davon erzählen Kübra, Rebecca und Maike im neuen Podcast: „331 – drei Frauen, drei Religionen, ein Thema“. Das House of One hatte die Idee – und das Trio war sofort Feuer und Flamme. Von ihren Hörern und Hörerinnen wünschen sie sich auch Fragen, die über die jeweiligen Religionsrituale hinausgehen. „Judentum ist viel mehr als Religion“, betont Rebecca. „Es geht uns nicht um hoch theoretische theologische Ansätze“, pflichtet Kübra bei. Die 25-Jährige trägt Kopftuch. Und ist erstaunt, dass sie deswegen in Berlin immer noch verwunderte, auch schräge Blicke erntet. Sie ist in Bayern geboren und aufgewachsen. „Da gab es viele Nonnen.“ Und im Alltag war es für die Leute unerheblich, ob das Kopftuch schwarz oder lilafarben war. „Wir haben uns mit den Nonnen immer sehr herzlich begrüßt“, erzählt Kübra.
Tolles Team. Rebecca Rogowski, Maike Schöfer und Kübra Dalkilic (von links) machen einen Podcast fürs House of One. Über ihre Religionen wollen sie erzählen, aber auch über ihren Alltag und ihr Leben, als Jüdin, als Christin und als Muslimin.
Tolles Team. Rebecca Rogowski, Maike Schöfer und Kübra Dalkilic (von links) machen einen Podcast fürs House of One. Über ihre Religionen wollen sie erzählen, aber auch über ihren Alltag und ihr Leben, als Jüdin, als Christin und als Muslimin.
Während Rebecca und Kübras Religionen zahlreiche Rituale beinhalten, hat das Christentum, nun ja, weniger zu bieten. Eine Behauptung, die Maike gar nicht gefällt. „Das grenzt ja fast an Religionsbashing“, wirft die 31-Jährige während der gemeinsamen Zoom-Konferenz ein. Wenn sie Talar und ein Kreuz um den Hals trage sei sie natürlich als Christin sichtbar.

Im Grunde kommt es den drei Podcasterinnen auf derlei Äußerlichkeiten kein bisschen an. „Wenn ich Schulkinder im Unterricht frage, welche Religion sie gern hätten, sagen die meisten Buddhismus, weil der so wunderbar bunt ist“, sagt Maike. Aber das sei total oberflächlich. Kübra und Rebecca nicken. „Wir bewerten gegenseitig unsere Religionen nicht“, schiebt Maike hinterher. „Wir sagen doch nicht, deine Religion ist cooler als meine.“ Es ginge darum, sensibel miteinander umzugehen und die Unterschiede wahrzunehmen.

Kirchen sind für alle offen, aber Moscheen und Synagogen? Die könne auch jeder besuchen, nur müsse man sich eben zuvor anmelden, sagen die drei. Wem das zu beschwerlich ist oder wer Berührungsängste zeigt, habe es nur leichter, in seiner Komfortzone zu verharren, findet Rebecca. Andererseits sei es auch in Ordnung, wenn bestimmte Gruppen unter sich bleiben wollen. Es ginge um die Möglichkeit, sich Schutzräume zu schaffen. Das müsse respektiert werden.

Wie fühlen sie sich als Frauen in ihren jeweiligen Religionen aufgenommen? „Wir leben alle in einem Patriarchat“, sagt Rebecca. Aber immer wieder höre sie, dass das Christentum offener sei, dass Frauen im Islam und erst recht im Judentum stärker unterdrückt würden. Das stimme nicht. Gleichberechtigung sei in Deutschland noch längst nicht erreicht. Rebecca merkt als Beispiel an, dass Frauen schlechter bezahlt würden. Maike spürt in ihrer Kirche immer wieder Gegenwind, wenn es um feministische Theologie geht. „Dabei wird die an unseren Universitäten seit 60 Jahren gelehrt.“ Die drei wollen mehr. Minderheiten, so der Tenor, müssten sich Freiräume schaffen. „Im Koran steht auch etwas anderes, als es von einigen interpretiert wird“, sagt Kübra. In der Öffentlichkeit tendierten Menschen dazu, immer die lauten Extremisten wahrzunehmen“, sekundiert Rebecca. Aber die seien doch in keiner Religion die Mehrheit.
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Das House of One wird drei Religionen in einem großen Gebäudekomplex versammeln. Brauchen wir das eigentlich in einer weltoffenen Stadt wie Berlin? Ist es hier nicht unerheblich, welcher Religion man angehört? Rebecca schüttelt den Kopf. „Wir werden im Alltag immer noch diskriminiert“, sagt sie. „Ich habe gar nichts gegen Juden“, das höre sie oft. „Aber dann wird ein Klischee nach dem anderen herausgehauen.“ Das zeige ihr, dass den meisten ihre Religion nicht egal sei.

Um den Hals trägt sie an einem zarten Kettchen einen Davidstern. Mit einer Kippa würde sie nicht durch Berlin gehen. „Wenn ich in Lietzensee zu meiner Synagoge gehe, setze ich die Kippa erst auf, wenn ich drin bin“, erzählt die junge Jüdin. Wie beschämend für diese Stadt.

Auf Podien würde oft das Gemeinsame der Religionen herausgestellt, berichten die drei. Das gefällt ihnen nicht. Sie wollen lieber die Unterschiede deutlich machen. „Im Judentum gibt es zum Beispiel gar keine Verpflichtung, an Gott zu glauben“, sagt Rebecca. Es gehe eher darum, die Mizwot, die Gebote zu achten. Und Maike kritisiert: „Die großen Kirchen sind dominant, die anderen Religionen werden nicht auf Augenhöhe betrachtet.“ Da werde vieles mit Überheblichkeit und Überverantwortung behandelt.
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Tagesspiegel Background
Kübra und Rebecca fühlen sich aufgrund ihrer Religionen noch immer in Schubladen einsortiert. Gerade jetzt, während der wieder aufgeflammten Unruhen im Nahen Osten. „Es geht dort nicht um einen Krieg zwischen Juden und Muslimen, es ist ein politischer Konflikt“, sagt Rebecca. Sie ist in Deutschland geboren und hat den deutschen Pass. „Allein, dass ich immer wieder auf Israel angesprochen werde, zeigt ja, dass die Menschen mich nicht wie ihresgleichen wahrnehmen.“ Ärger noch: Sogar Juden, die gar keine Verwandte in Israel hätten, müssten sich erklären.

Drei deutsche Frauen. Doch im Hinblick auf ihre Religion haben sie schon früh Unterschiede erfahren. Während Maike Religionsunterricht hatte, stand in Nordrhein-Westfalen für alle Nicht-Christen „deutscher Förderunterricht“ auf dem Stundenplan. In Bayern hieß das Fach Ethik, aber um was ging es konkret? „Gelehrt wurden Manieren“, erinnert sich Kübra. Geht’s noch absurder? Maike wurde getauft und konfirmiert, aber viel zum Christentum erfuhr sie nicht. „Ich hätte mir mehr Begleitung gewünscht.“

Vierzig Gesprächsminuten mit den drei Frauen via Zoom sind wie im Flug vergangen. So viele Fragen sind noch offen. Im Podcast wird es Antworten geben. Ein Glück, dass es ihn gibt. „In allen Religionen geht die Debatte ja darum, Veränderungen vorzunehmen“, bilanziert Kübra. Wenn diese drei ihren jeweiligen Religionen nicht auf die Sprünge helfen, wer dann?
Foto: Anastasia Wiaterek