Diversity 2019

Muslima, Soldatin und stolz darauf

Offizierin Nariman Hammouti kämpft mit dem Verein „Deutscher.Soldat.“ für ein neues Bild des Deutschseins

Von Sarah Murrenhoff

Ihr Neffe soll einmal in einer gerechteren Welt leben. Auf die Frage „Woher kommst du?“ soll er schlicht „Hannover“ antworten können, ohne dass nachgebohrt wird. Seine dunklere Hautfarbe und die Herkunft seiner Eltern oder Großeltern sollen keine Rolle spielen. Dafür kämpft Nariman Hammouti. „Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, dass er Rassismus erfahren wird“, sagt die 40-Jährige. Das kennt sie selbst nur zu gut. Immer wieder muss sie sich erklären: dafür, dass sie so gut deutsch spricht, dass sie Deutsche ist, „ja, eine richtige Deutsche“, auch wenn sie schwarze Locken und dunkelbraune Augen hat und Kind marokkanischer Einwanderer ist. Dass sie Muslima ist und eine deutsche Uniform trägt.

Und dann spricht sie noch aus, was für viele Deutsche unaussprechlich ist: „Ich bin stolz auf Deutschland.“ Hammouti würde für die deutsche Werteordnung sogar sterben. Denn sie ist Soldatin der Bundeswehr und hat per Eid geschworen, der Bundesrepublik zu dienen. Könnte es ein stärkeres Bekenntnis zu Deutschland geben?

Stolz war Hammouti schon als Kind, aber stolz auf ein Land oder darauf, in einer Demokratie zu leben oder als Frau frei über ihr Leben zu entscheiden, das kam erst später. Sie wuchs als eines von fünf Geschwistern in Hannover-Linden auf, einem Viertel, das in ihrer Kindheit noch „Gastarbeiterviertel“ genannt wurde. Hammouti erinnert sich gern an die vielen Kinder, mit denen sie spielte, und dass sie im Nu die Sprachen ihrer Freunde aufsog: Türkisch, Dari und Farsi. Zuhause sprach sie Arabisch, in der Schule Deutsch.
Flagge und Flecktarn. Beides trägt Nariman Hammouti mit Stolz. Und kämpft damit nicht nur gegen Rassismus, sondern auch gegen Bundeswehr-Bashing.
Flagge und Flecktarn. Beides trägt Nariman Hammouti mit Stolz. Und kämpft damit nicht nur gegen Rassismus, sondern auch gegen Bundeswehr-Bashing.
Viele Sprachen und verschiedene Kulturen waren für Hammouti eine Selbstverständlichkeit. Doch spätestens mit 13 Jahren kamen die Identitätsfragen: Warum werde ich anders behandelt als meine Freundinnen Henrike und Friederike? Warum spricht die Lehrerin mit meinem Vater beim Elternabend so laut und im Befehlston, als wäre er minderbemittelt?

Sie begann, sich hellere Haare zu wünschen, bekam Probleme in der Schule, jobbte nach dem Abitur mal im Reisebüro, mal im Call Center, nahm es mit der Pünktlichkeit nicht so genau und verlor die Jobs wieder. Hätte ihr damals jemand erzählt, dass sie einmal die Offiziersuniform tragen oder zur 16. Bundesversammlung gehören und den Bundespräsidenten – Frank-Walter Steinmeier – mitwählen würde, sie hätte wohl gelacht.

Heute ist Hammouti Offizierin der Marine und Vorstandsvorsitzende von „Deutscher.Soldat.“. Der Vereinsname spielt mit genau der Irritation, die er auslöst. Das „Deutsche“ im Namen ist – anders als man meinen könnte – nicht ausgrenzend gemeint, sondern inklusiv. Die Webseite zeigt ein Banner mit Soldaten und Soldatinnen unterschiedlicher Hautfarben. Die Botschaft: „Wir sind vielfältig und wir tragen die deutsche Uniform.“ Und: „Wir sind kein Haufen Nazis.“

Den Ausschlag für die Vereinsgründung gab 2010 der ehemalige Politiker Thilo Sarrazin mit seinen Thesen zur Überfremdung Deutschlands. Für einige Soldaten war das der Moment, Flagge zu zeigen. Aus den Streitkräften heraus einen positiven Impuls für die einseitige Integrationsdebatte zu geben. Zu zeigen, dass es ein neues Bild des „Deutschseins“ braucht. Dass Deutschland divers ist und sich das auch in der Bundeswehr widerspiegelt – geschätzt 15 Prozent der Soldaten haben einen Migrationshintergrund.

Hammouti kam 2005 zur Bundeswehr. Zunächst wegen eines romantischen Gefühls, das der Film „Pearl Harbor“ in ihr auslöste. Der Zusammenhalt, das gegenseitige Verzeihen, das Selbstverständnis. „Ja ja, ich weiß, dass die Amerikaner das immer etwas überzogen darstellen“, fügt sie heute lächelnd hinzu. Dennoch: Damit hatte sie ein Ziel. Und wusste noch nicht, dass Frauen erst seit 2001 den Dienst an der Waffe ausüben dürfen.

Blond, 1,85, männlich: So ist nur ein Teil der Bundeswehr

Mit 26 Jahren erlebte Hammouti dann, was es bedeutete, einfach dazuzugehören. „Es mag paradox klingen, aber in der Bundeswehr werde ich genommen, wie ich bin“, sagt sie. Innerhalb der Truppe ist es egal, woher ihre Eltern kommen und ob im Rest der Republik darüber diskutiert wird, ob der Islam nun zu Deutschland gehört oder nicht. Was zählt, ist, eine „gute Kameradin“ zu sein. Dass man sich auf sie verlassen kann, dass niemand zurückgelassen wird. „Einen Schnürschuh gibt’s immer irgendwo“, so kommentiert sie Soldaten mit rechter Gesinnung. „Aber innerhalb der Bundeswehr habe ich viel weniger Alltagsrassismus erlebt als draußen.“ Darum kämpft sie auch entschieden gegen Bundeswehr-Bashing und das Klischee prügelnder, rechte Parolen grölender Soldaten.

Ganz selbstverständlich nutzt Hammouti Wörter wie „Utopie“ oder „Vision“. Pathetisch wirkt sie dabei nicht. Sie ist eine Frau der Taten, kommuniziert ohne Umschweife. Wo Dinge nicht gut laufen, da packt sie selbst an. Das ewige Thema Schweinefleisch etwa. Irgendwann war sie es leid, bei Gefechtsdiensten nur Beilagen zu essen und bei Lehrgängen die Box mit dem gelben Panzertape und der Aufschrift „Moslem“ zu erhalten. „Vielleicht ist es überzogen, aber ich muss gleich an eine Blindenbinde oder den Judenstern denken.“ Mit dem Essen habe es erst geklappt, als sie eine Sachschadensmeldung eingereicht habe.

Vor einem Einsatz in Afghanistan schrieb sie ihrem Vorgesetzten eine Anleitung, wie mit ihrem Leichnam verfahren werden solle, würde sie dort getötet. Inzwischen ist sie richtig entrüstet darüber. „Wie kann es sein, dass es noch immer keinen muslimischen Seelsorger bei der Bundeswehr gibt?“ Und das für geschätzt 3000 Muslime. Sie sieht ein, dass es keinen Staatsvertrag zwischen einem muslimischen Dachverband und der Bundesrepublik gibt. „Aber kann dann keine Übergangsregelung gefunden werden, aus Respekt gegenüber den muslimischen Soldaten?“ In Afghanistan gab es durchaus Momente, in denen sie sich gewünscht hätte, mit einem Geistlichen zu sprechen.

Man muss kämpfen, das ist Hammoutis Devise. Für Freiheit im Großen und im Kleinen. Darum engagiert sie sich für Teilhabe im Niedersächsischen Landtag, darum hat sie das bei Rowohlt erschienene Bundeswehr-Plädoyer „Ich diene Deutschland“ geschrieben, darum möchte sie ihrem Neffen und anderen jungen Menschen ein Vorbild sein: „Seid laut, lasst euch von niemandem verunsichern, fordert euer Deutschsein ein“, ist ihre Botschaft an sie.

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Inklusion statt Strafabgabe

Wie Eingliederung im Betrieb gelingt

Rein rechnerisch müsste jeder 20. Arbeitsplatz in deutschen Unternehmen von einem Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen ausgefüllt sein. Der Grund: Ab einer Größe von 20 Angestellten ist ein Betrieb verpflichtet, fünf Prozent seiner Stellen an Menschen mit Behinderungen zu geben. Anderenfalls wird eine Ausgleichsabgabe fällig. Dennoch zahlen insbesondere kleine und mittelgroße Betriebe lieber den Ausgleich als sich aktiv um vielfältige Teams zu kümmern.

Ein Kooperationsprojekt will jetzt mit Vorbehalten bei Personalentscheidern aufräumen. Aktion Mensch und das am Institut der deutschen Wirtschaft angesiedelte Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) haben den Ratgeber „Inklusion im Betrieb“ herausgegeben, der Unternehmen die Entscheidung für Inklusion erleichtern soll.

„Wir müssen Arbeitgeber davon überzeugen, dass ein Mensch mit Behinderung keine Last, sondern ein Potenzial für jede Firma ist“, sagt Armin von Buttlar, Vorstand der Aktion Mensch.

Obwohl laut KOFA viele Schwerbehinderte sehr gut ausgebildet sind und begehrte Qualifikationen mitbringen, ist die Arbeitslosenquote unter ihnen doppelt so hoch wie diejenige von Menschen ohne Behinderung. Das geht aus dem jährlich von Aktion Mensch herausgegebenen „Inklusionsbarometer 2018“ hervor. Was wenig bekannt ist: Von über einer Million Beschäftigten mit Schwerbehinderung arbeiten mehr als zwei Drittel als Fachkräfte. 17 Prozent bekleiden gar Führungspositionen.

Mit Checklisten, Grafiken, Übersichten über Arten von Behinderung oder staatliche Zuschüsse für Eingliederungsprogramme sowie Leitfäden für Bewerbungsprozesse bietet der 140 Seiten umfassende Wegweiser Personalverantwortlichen das nötige Werkzeug, damit die Inklusion im Betriebsalltag gut gelingt. Sarah Murrenhoff

— Wegweiser „Inklusion im Betrieb“ zum Download: www.kofa.de/inklusion
Foto: Patrice Kunte
Erschienen im Tagesspiegel am 14.11.2019