Save the Children

Kämpferin für das Wohl der Jüngsten

Sie bereiste den Balkan, liebte Frauen und warf all ihre Möbel aus dem Haus: „Save“-Gründerin Eglantyne Jebb scherte sich nicht um Konventionen

Von Andreas Austilat


„Ich mache mir nichts aus Kindern“, schrieb die 24-jährige Eglantyne Jebb im Juli 1900 in ihr Tagebuch. Warum? Weil sie laut sind und furchtbar nerven können. Eglantyne war nun nicht nur mit einem exzentrischen Vornamen geschlagen. Der jungen Lady aus vornehmem Haus schien die berufliche Perspektive verleidet, nachdem sie sich zwei Jahre lang in den Londoner Slums als Lehrerin verdingt hatte.

19 Jahre später wird diese Eglantyne Jebb auf Londons Trafalgar Square abgeführt. Sie hat schockierende Flugblätter verteilt, die ein ausgemergeltes Kind zeigen, dem Hungertod nah. Aus der Frau, die keine Kinder mag, ist eine der entschiedensten Kämpferinnen für das Wohl der Jüngsten geworden.

Der Mob tobt, denn das Flugblatt zeigt ein Baby aus Österreich. Es ist das Jahr 1919: Im mörderischen Ersten Weltkrieg, den Großbritannien gerade gegen Deutschland und seinen Verbündeten Österreich ausgefochten hat, sind fast eine Million Briten gestorben – dreimal so viele wie später im Zweiten Weltkrieg. Da kommt diese Frau und setzt sich für die Kinder des Feindes ein. Und konfrontiert ihre Landsleute mit dem Vorwurf: „Unsere Blockade hat das verursacht – den Hungertod von Millionen Kindern.“ Denn der kriegszerstörte Kontinent bleibt vom Handel abgeschnitten, solange die Friedensverhandlungen laufen.

Es ist ein für ihre Zeit ungewöhnlicher Weg, den Eglantyne Jebb zurückgelegt hat. Als sie 1876 geboren wurde, war Kinderarbeit in England noch legal – für zehn Stunden täglich –, ein Schulbesuch keineswegs selbstverständlich. Frauen arbeiteten nur, wenn sie arm waren. In der Oberschicht, zu der Eglantyne Jebb gehörte, war ihre Rolle meist auf die Haushaltsführung beschränkt. Doch Eglantyne wollte sich nicht damit begnügen, daheim Blumendekors zu arrangieren. Sie hatte das Glück, aus vergleichsweise aufgeschlossenem Hause zu stammen. Die Mutter war aktiv in der Arts-and-Craft-Bewegung zur Belebung des ländlichen Handwerks. Deren Ziel war es, der sozialen Verelendung infolge ungeregelter Industrialisierung entgegenzuwirken. Der Vater fürchtete zwar, eine Ausbildung mache seine vier Töchter zu Blaustrümpfen– Frauen, die auf dem Heiratsmarkt keine Chance hätten –, ließ sie aber gewähren.
Eglantyne Jebb verteilte Flugblätter mit schockierenden Bildern, um wachzurütteln.
Eglantyne Jebb verteilte Flugblätter mit schockierenden Bildern, um wachzurütteln.
Eglantyne studierte Literatur im ersten College für Frauen in Oxford, in den 1890ern ein Experimentierfeld. Nicht nur sie begeisterte sich für Denker wie den Amerikaner Henry David Thoreau, dessen Aussteigerbuch „Walden“ zu den Klassikern der Alternativkultur gehört. Nach dem Motto „Simplify your Life“ warf sie sogar ihre Möbel aus dem Apartment, um sie wenig später wieder zurückzuholen. Kommilitonen, die Theaterstars anhimmelten, sich für Partys und Kleider interessierten, waren ihr fremd. Sie wollte eine sozial sinnvolle Tätigkeit ausüben und klagte bitterlich, wie beschränkt die Möglichkeiten für Frauen ihrer Zeit seien. Ebenso klar war ihr, dass sie keine eigenen Kinder wollte.

Die Gründe dafür waren vielfältig, wie Clare Mulley, Autorin einer detaillierten Biografie, ausführt. Da ist etwa das Beispiel einer Kommilitonin, die heiratet und allein deshalb ihre Tätigkeit als Tutorin aufgeben muss. Zwei Jahre später stirbt sie im Kindbett. In Eglantynes Leben spielen Männer keine große Rolle, die einzige dokumentierte innige Beziehung hat sie mit Margaret Keynes, Schwester des Ökonomen John Maynard Keynes. Sie ist nicht von Dauer, Margaret entscheidet sich schließlich für eine konventionelle Ehe.

Eglantyne aber beschließt, nicht für einige wenige Kinder da zu sein, sondern für alle. Denn ihnen, den Kindern, falle die Aufgabe zu, die zukünftige Gesellschaft zu gestalten. Ihr Experiment, es im Lehrerberuf zu versuchen, scheitert jedoch an den sozialen Realitäten. Sie unterrichtet bis zu 60 Kinder in einer Schule nahe den Londoner Docks und verzweifelt, weil sie sich für untalentiert hält.

Dafür bereist sie kurz vor dem Ersten Weltkrieg den Balkan. Die jungen Staaten dort haben sich in einen furchtbaren Krieg verstrickt, zu dessen Zielen es gehört, durch Vertreibung ethnisch geschlossene Staatsgebiete zu schaffen. Eglantyne gelangt zu der Erkenntnis: Nicht bestimmte Nationen sind böser als andere, es ist der Krieg, der die Menschen brutalisiert. Unterstützt von ihrer jüngeren Schwester Dorothy, einer überzeugten Pazifistin, handelt sie. Sie will ihren Landsleuten die Augen öffnen für Not und Elend, auch in den ehemals feindlichen Ländern. Allein in Deutschland sterben im April 1919 täglich 800 Menschen an Hunger und Krankheiten, betroffen sind vor allem die Schwächsten, die Kinder. In Polen, auf dem Balkan und in Russland sieht es nicht besser aus. Aber auch Großbritannien selbst, wo sie nun um Spenden wirbt, leidet unter den Folgen des Krieges, der dem Land ungeheure Lasten aufgebürdet hat.

Die öffentliche Meinung ist gegen sie, bei ihrer Verhaftung wird sie mit faulen Äpfeln beworfen. Doch am Ende spendet sogar der Chefankläger fünf Pfund für den von ihr initiierten Hilfsfonds. Die Royal Albert Hall ist schließlich bis auf den letzten Platz besetzt, als dort im Mai 1919 der „Save the Children Fund“ gegründet wird. Eglantyne begnügt sich damit nicht. Sie entwirft eine „Deklaration für die Rechte der Kinder“, die 1924 vom neu gegründeten Völkerbund aufgegriffen wird, dem Vorgänger der Vereinten Nationen, die ihrerseits 1989 die Kinderrechtskonvention verabschieden.

Eglantyne Jebb stirbt 1928 an den Folgen einer Magenoperation.
Fotos: Save the Children