Immunisierung

Die Schimpfquoten senken

Ein kleiner Pieks nur, doch er kann für ganz schön Aufregung sorgen. Impfen ist in aller Munde – nicht nur während der Covid-19-Pandemie. Tatsache ist: Die Raten liegen in Deutschland zu niedrig. Beim vom Tagesspiegel veranstalteten „Impfgipfel“ wurde jetzt diskutiert, wie sich das ändern lässt

Von Udo Badelt

„Hassliebe“ ist ein drastisches Wort. Aber viele Menschen sind dem Impfen in einer seltsamen Mischung aus Anziehung und Abneigung verbunden. Dass es wirksam ist und sinnvoll, sehen die meisten ein, trotzdem sind die Impfquoten in Deutschland niedrig. Ein Grund dafür dürften abstruse Einflüsterungen von Verschwörungserzählerinnen und -erzählern sein, aber wohl auch Unwissen und schlichtweg Wurschtigkeit. Die aktuelle Pandemie hat das Potenzial, daran etwas grundlegend zu ändern. Denn viele Menschen, wenn auch längst nicht alle, werden 2021 bereit sein, sich impfen zu lassen, sofern wirksame und sichere Stoffe bis dahin gefunden sind. Das könnte auch die Rate der Impfungen gegen andere Krankheiten, allen voran die Influenza, steigern.

Influenza kann tödlich sein. 2017/18 sind hierzulande 2 5 000 Menschen daran gestorben. Trotzdem lassen sich laut Robert Koch Institut derzeit ausgerechnet in der relevanten Altersgruppe der über 60-Jährigen nur 35 Prozent gegen Grippe impfen. Die Werte sind also Lichtjahre entfernt von der Zielmaßgabe 75 Prozent, die die Weltgesundheitsorganisation und die EU ausgeben. Ähnlich sieht es bei den Humanen Papillomviren (HPV) aus, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können: Unter einem Drittel der Mädchen in Deutschland sind dagegen geimpft, während es in Skandinavien oder Australien 80 bis 90 Prozent sind. Auch eine Nationale Impfkonferenz im Jahr 2009 mit einem einige Jahre später veröffentlichten „Nationalen Impfplan“ konnte diese Zahlen bisher nicht wesentlich in die Höhe treiben.

Es gibt also gute Gründe, die beteiligten Player an einen Tisch zu bekommen – im Rahmen eines „Impfgipfels“. Der hat unter dem Motto „Gemeinsam gegen Grippe und Co“ am 8. Oktober digital stattgefunden, moderiert von Tagesspiegel-Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff. Zentrales Thema: Wie schaffen wir es, die Impfquoten in Deutschland nachhaltig zu steigern? Das ambitionierte Ziel ist, alle von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlenen Immunisierungsraten jährlich um fünf Prozent zu steigern.

Frank Ulrich Montgomery vom Weltärzteverband und Thomas Mertens, Vorsitzender der am Robert Koch Institut in Berlin angesiedelten Stiko, versuchten in ihren Beiträgen aber erstmal, der in manchen Teilen der Bevölkerung verbreiteten Impfskepsis entgegenzutreten (siehe Zitate unten). Impfskepsis ist auch einer der vier zentralen Handlungsfelder auf europäischer Ebene, wie Jan Paehler ausführte, der Leiter der bei der EU-Kommission angesiedelten Global Health Initiatives– neben Forschungs- und Innovationsförderung und einem koordinierten Vorgehen beim Beschaffen von Impfstoffen.

Wissen etwa viele gar nicht, was die Ständige Kommission empfiehlt?

Warum also sind die Quoten so niedrig? Wissen viele Menschen etwa gar nichts von den Stiko-Empfehlungen? Zumindest für die Ärzteschaft verneint das Frank Ulrich Montgomery vehement: „Alle Ärztinnen und Ärzte kennen zumindest den Grundimpfkalender, und die Empfehlungen der Stiko werden regelmäßig im Ärtzteblatt veröffentlicht. Lehnt ein Kollege oder eine Kollegin das Impfen aber aus intellektuellen Gründen ab, müssen wir als Kammer reden.“ Generell, da waren sich alle einig, bietet die Corona-Pandemie eine große Chance, die Themen Impfen und Prävention in den Arztpraxen stärker in den Vordergrund zu rücken. „Wir werden aufgrund der Pandemie in diesem Winter mehr Grippeimpfungen haben also sonst. Sollten wir wirklich 26 Millionen Grippeimpfdosen schaffen, wären das 26 Millionen Arzt-Patienten-Kontakte, bei denen man gleich überprüfen kann, welche Impfungen sonst noch durchgeführt werden können“, meint Erwin Rüddel (CDU), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestags. Nötig seien niedrigschwellige Informationsangebote, auch über Apps. „Es ist ein Gerücht, dass ältere Menschen keine Digital Natives seien“, so Rüddel. „Mein Vater ist 95, und er skypt mit seinen Enkeln und Urenkeln.“ Digitalisierung also, dies ein Konsens des Gipfels, ist ein wesentliches Element künftiger Impfstrategien, wenn auch natürlich nicht das einzige.

Was ist etwa mit Apotheken? Könnte man die, wie es in anderen Ländern gang und gäbe ist, nicht auch stärker beim Impfen einbinden? Eine Idee, die Thomas Fischbach, Präsident des Verbands der Kinder- und Jugendärzte, gar nicht gutfindet: „Wir sind nicht der Auffassung, dass Apotheker in der Lage sind, jungen Menschen fachgerecht zu versorgen. Impfen ist eine ärztliche Aufgabe. Weil es ja nicht nur darum geht, eine Nadel in den Körper zu stechen und etwas durchzupressen. Genauso wichtig sind adäquate, richtige Beratung, die Gefahren erklärt, und ein Risikomanagement, falls es doch – in sehr seltenen Fällen – zu Problemen kommt, etwa mit dem Kreislauf.“ Dies ist im Ansatz ein Widerspruch zu Klaus Cichutek, Präsident des für die Impfstoffzulassung zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts, der in einem Statement auf dem Gipfel sagte: „Impfstoffe gehören zu den sichersten und am besten geprüften Arzneimitteln überhaupt“. Sie hätten dazu geführt, dass viele Krankheiten zumindest in Mitteleuropa gar nicht mehr bekannt sind, wie Diphterie oder Kinderlähmung.

Gemeinsamkeit also ist das Stichwort: Ein Kernergebnis des Gipfels war, dass nur so höhere Impfquoten zu erreichen sind. Prävention müsse als Gemeinschaftsaufgabe begriffen werden. „Nur zusammen können wir gegen Ignoranz und Fake News angehen“, resümiert Stephan-Andreas Casdorff. Nötig sei eine offene, geduldige, von der Wirksamkeit des Impfens überzeugte, verständliche Kommunikation – die im Übrigen keine Einbahnstraße sein solle. Es geht nicht nur darum, dass eine Seite redet und die andere zuhört. Casdorff nahm auch gleich Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, in die Pflicht: Ihre Behörde soll einen Code of Conduct (Verhaltenskodex) entwerfen, als Orientierung und Richtschnur für alle am Impfen beteiligten Institutionen. Denn, so Casdorff am Ende zur Verabschiedung: „Alles beginnt mit einem ersten Schritt.“
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Sisyphos und die zweite Welle

Was tun gegen Halbwahrheiten? Was hat die Grippe mit Covid-19 zu tun? Wir zitieren einige Beiträge des „Impfgipfels“ im Wortlaut

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„Bei Halbwahrheiten wird leider immer die falsche Hälfte geglaubt“
F. U. Montgomery, Weltärztebund

FRANK ULRICH MONTGOMERY

Impfen ist der größte Erfolg der Medizin der letzten Jahrhunderte. Unendlich viele Lebensjahre durften Menschen leben, weil es Impfungen gibt. Heute kämpfen wir aber gerade in aufgeklärten Industriestaaten gegen erhebliche Ignoranz, die uns mit abstrusesten Ideen zu sagen versucht, dass Impfungen schädlicher seien als die jeweilige alternative Erkrankung. Dabei wissen wir, dass alle zugelassenen Impfstoffe immer ein Risikoprofil haben, das um Zehnerpotenzen sicherer ist als die Erkrankung selbst. Teils haben wir es auch mit eigenen Kollegen zu tun, die gegen jede wissenschaftliche Evidenz und vernünftiges Wissen von Impfungen abraten. Da haben wir Schwierigkeiten mit der Berufsordnung, diesen Kollegen einen guten Weg zu weisen, Patienten dann wenigstens an einen Arzt zu schicken, der impft. Und wir haben ein Problem mit überall in sozialen Medien verbreiteten Halbwahrheiten über Impfungen und ihrer Risiken. Das Dilemma von Halbwahrheiten ist ja, dass immer die falsche Hälfte geglaubt wird. So etwas wieder aus den Köpfen zu kriegen ist Sisyphosarbeit. Ich glaube, dass die Politik aktuell überhaupt nicht in der Lage ist, über weitere Impfpflichten nachzudenken. Dabei wären einige, wenn sie nachgewiesen sicher, wirksam und nachhaltig sind, eine große Chance, Geißeln der Menschheit auszurotten.

— Frank Ulrich Montgomery ist Vorsitzender des Vorstands des Weltärztebundes.

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„Die Bevölkerung muss von der Wirksamkeit des Impfens überzeugt sein“
Thomas Mertens, Stiko

THOMAS MERTENS

Beim Impfen gilt das Zitat der drei Musketiere: Eine für alle, alle für einen. Aus Sicht der Stiko ist es sehr wichtig, zu erreichen, dass die Bevölkerung tatsächlich von der hohen Wirksamkeit der Impfung überzeugt ist. Dazu bedarf es vor allem einer hervorragenden Kommunikation. Wir – Ärztinnen, Ärzte, alle beteiligten Institutionen – müssen offen und geduldig mit den Menschen diskutieren und die Argumente darlegen. Die Impfpflicht kann zwar manchmal notwendig sein, ist aber immer die zweitbeste Lösung. Das Beste ist, wenn man überzeugen kann.

Jetzt gibt es eine besondere Situation. Wir sehen, dass wir fast unweigerlich in eine zweite SARS-CoV-2-Welle hineinlaufen. Menschen mit einem hohen Risiko, an Covid-19 zu erkranken, sollten möglichst vollständig gegen Grippe geimpft sein, damit wir nicht zwei Infektionen zur gleichen Zeit haben. Wenn wir uns einigermaßen strikt an die Abstands- und Hygieneregeln halten, werden dadurch auch die Influenza-Fälle reduziert. Die nächste Grippe-Welle könnte dann nicht so schlimm ablaufen. Der Grippeimpfstoff ist nicht hundertprozentig wirksam, das stimmt, aber im Schnitt liegt seine Wirksamkeit bei 60 Prozent. Bei Influenza haben wir es mit einer der gravierendsten Infektionskrankheiten weltweit zu tun, da sind 60 Prozent schon ganz gut.

— Thomas Mertens ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko).

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„Durch Aufklärung erhöhen wir Vertrauen und letztlich die Impfquoten“
Heidrun Thaiss, BzgA

HEIDRUN THAISS

Prävention leistet einen essenziellen Beitrag, um Lebensqualität zu steigern und möglichst lange zu erhalten. Aber nur drei Prozent der Gesundheitsausgaben entfallen auf Vorsorgemaßnahmen, obwohl Krankheiten und die damit verbundenen Kosten vermieden oder zumindest gesenkt werden können. Impfungen zählen zu den effektivsten und kostengünstigsten primärpräventiven Maßnahmen. Neben dem persönlichen Impfschutz ist auch der kollektive („Herdenimmunität“) wichtig. Dadurch können vulnerable Gruppen geschützt werden. Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Kontext Impfen ist es, über den Nutzen von Schutzimpfungen fachlich fundiert und interessenunabhängig zu informieren und dadurch die Impfbereitschaft und letztlich die Impfquoten zu erhöhen. Diese Arbeit ist von zentraler Bedeutung, um Vertrauen in die Sicherheit und Wirksamkeit von Impfungen zu erhöhen und Fehlinformationen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu widerlegen. Durch die Pandemie ist die Bedeutung des Impfens wieder in den Fokus gerückt. Unsere Angebote zur Grippeschutzimpfung werden weiter ausgebaut, denn es gibt große Überschneidungen bei den Risikogruppen. Prävention muss Spaß machen, aber sie braucht einen langen Atem. Kurzfristige Erfolge gibt es nicht.

— Heidrun Thaiss leitet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
Fotos: K.-J. Hildenbrand/dp; Imago/Jürgen Heinrich; Universitätsklinikum Ulm; Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung