Ich drohe an meinem eigenen Schweigen zu ersticken: Warum Frauen aus Ländern wie dem IRAN auch in Deutschland nicht frei sein können

Von Maryam Mardani

Nun sind es schon ein paar Jahre, seit ich nach Deutschland gekommen bin und immer noch ist mir das Konzept Grenze nicht klar. Ich sitze in meinem Zimmer und starre auf die Weltkarte an meiner Wand. Mein Blick wandert von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent, und ich denke an meine Abreise aus dem Iran zurück. Welch Erleichterung, als ich die Kontrolle hinter mir und den Stempel im Pass hatte. Ich war nicht im letzten Moment auf eine Ausreiseverbotsliste gerutscht. Ich durfte die Grenze überqueren.

Im Lexikon steht: „Grenze ist der Rand eines Raumes“. Diese Definition überzeugt mich nicht, denn nach all diesen Jahren, die seit meinem Grenzübertritt vergangen sind, bin ich noch immer gefangen in den Grenzen meines Landes. Oder, anders gesagt, die Grenzen des Iran erstrecken sich bis nach Berlin. Diese Definition von Grenze steht nicht im Lexikon und man sieht sie auf keiner Weltkarte, sie existiert in den Köpfen und besonders in den Köpfen von Frauen.

Sie macht sich in Alltagsszenen bemerkbar. Wenn ich meine Einkaufstasche nehme, um zu Lidl zu gehen, streiche ich mir automatisch mein Kopftuch zurecht. Dabei trage ich seit meiner Abreise aus dem Iran gar kein Kopftuch mehr. Wenn meine Hand also ins Leere fasst, zucke ich zusammen. Schrecksekunde. Gliederstarre. Hat mich jemand gesehen? Polizei? Besonders schlimm treffen mich die unsichtbaren Grenzen im Ramadan. Im letzten Ramadan spazierte ich durch die Friedrichstraße, es war heiß und ich hatte Durst. Ich sah die Menschen in den Cafés sitzen, Limonade trinken und Eis essen. Im Iran wäre das undenkbar. Deswegen hatte ich Scheu, die Wasserflasche aus meiner Tasche zu holen, um in der Öffentlichkeit zu trinken. Die Angst sitzt tief und schlägt zu, wenn mein Kopf gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist. Schließlich spülte ich sie mit einem großen Schluck aus der Flasche herunter.

Doch es sind nicht nur Kleinigkeiten. In einem anderen Bereich machen sich die Grenzen sehr viel stärker bemerkbar. Eine Frage, die sich fast alle irgendwann stellen, wenn sie aus dem Iran ins Ausland gehen: „Soll ich mein Schweigen brechen und das Unrecht benennen, das mir angetan wurde, oder soll ich schweigen?“ Die Antwort ist eine Weichenstellung. Sie hat schwerwiegende Konsequenzen und nicht immer kann man sich später umentscheiden. Denn: Wer sich entscheidet, die Stimme zu erheben und zu protestieren, wird entweder nie mehr in den Iran fahren können oder reist nur mit der Angst im Schlepptau, von der Polizei geschnappt zu werden.

Schrecksekunde. Gliederstarre. Wo ist mein Kopftuch?

Man kann hier auch von Zensur sprechen, denn es ist eine ganz reale Bedrohung. Immer wieder zieht mich diese Zensur über die Grenze in den Iran zurück und sagt: „Sei still!“ Wenn ich die Ideologie des Regimes in Frage stelle oder solche Kritik auf Facebook oder Instagram auch nur andeute, verspiele ich mein Recht zurückzukehren. Meine Eltern sehen wollen, bedeutet zu schweigen. Auch, wenn ich an meinem Schweigen zu ersticken drohe. Wenn ich nicht schweige, dann plagt mich das Heimweh.

Geht das nur mir so? Tatsächlich habe ich viele Freundinnen und Bekannte, die ähnliche Geschichten erzählen. Da es um den langen Arm des Iran geht und viele der Regeln unseres Heimatlandes Frauen eingrenzen, sind wir Frauen besonders betroffen. Golroch, eine 64-jährige Soziologin und Frauenaktivistin, lebt schon seit 40 Jahren im politischen Exil in Deutschland. „Wenn man sich entscheidet, in den Iran zu reisen, so braucht dies eine Phase der Verwandlung, die ungefähr zwei Jahre dauert“, sagt sie. Zunächst gehe es darum, den iranischen Pass zu bekommen und dazu müsse man alle politischen Aktivitäten auf Eis legen; keine Veranstaltungen, keine Demonstrationen. „Um in den Iran zu kommen, unterstellen sich die Menschen strenger Zensur. Sie ändern ihre Art zu leben und ihr soziales Umfeld.“

Huda, eine 29-jährige Künstlerin, sagt: „Zensur ist nicht auf ein bestimmtes, umgrenztes Territorium beschränkt. Zensur verfolgt die Menschen bis in den letzten Winkel der Welt. Die Grenzen, die Diktatoren aufstellen, graben sich oft tief in das Bewusstsein der Menschen ein. Die Tabus verfolgen die Menschen manchmal sogar ihr ganzes Leben lang.“

Ich starre wieder auf die Weltkarte an meiner Zimmerwand. Eine neue Art von Grenze tut sich auf. Es ist die Grenze zwischen den Menschen, die als Migranten aus einem Land wie dem Iran nach Deutschland kommen und schweigen, damit sie wieder heimkehren können und denen, die das nicht tun. Die ihre Stimme erheben und protestieren. Diese Person ist nicht länger eine Migrantin, es ist eine Frau, die sich selbst ins Exil bugsiert hat. Auf welcher Seite dieser Grenze jemand steht, ist für viele Iranerinnen hier in Berlin eine existenzielle Frage – schließlich geht es hier um die Abwägung zwischen Würde und Heimweh – und klar ist: Die Grenze zwischen den beiden Gruppen wird immer spürbarer, je größer der Druck und der Einfluss aus dem Iran wird.

Mehr Beiträge zum Internationalen Frauentag
Unter www.tagesspiegel.de/stimmendesexils finden Sie weitere Beiträge: Hend Taher schreibt über die Schwierigkeiten geflüchteter Frauen, in Deutschland beruflich Fuß zu fassen, Zoya Anwer Mahfoud über ein Berliner Erzählprojekt für Frauen.
Außerdem: ein Video von „Amal, Berlin“-Redakteurin Amloud Alamir (siehe unten links).
                

HEND TAHER
Journalistin aus Ägypten
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„Zum Frauentag wünsche ich uns– allen Frauen –, genug Mut zu haben, unsere eigenen Wege zu gehen. Ich wünsche mir eine Welt, in der Mädchen die gleichen Spiel- und Sportangebote bekommen wie Jungen, eine Welt, in der Frauen genauso viel verdienen wie Männer. Ich wünsche mir ein Leben ohne Scham vor der monatlichen Periode und mehr Forschung zu Körper und Genitalbereich der Frau.“
AORA HELMZADEH
Journalistin aus dem Iran
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„Iranische Frauen sind mutige Kämpferinnen. Obwohl sie unterdrückt werden, kämpfen sie weiter, um ihre Gesellschaft zu verändern. Der Druck auf Frauen, möglichst viele Kinder zu bekommen, dient der Regierung in ihrem Streben nach einer großen Nation – und zugleich werden Frauen im patriarchalischen System beschäftigt gehalten. Doch wie kann eine Familie glücklich sein, wenn die Mutter überfordert ist?“
NAZEEHA SAEED
Journalistin aus Bahrain
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„Frauen sollten überall gleichberechtigt sein. Das heißt: gleiche Bezahlung in Europa und den USA, gleiche Staatsbürgerschaft in Bahrain, gleiche Bewegungsfreiheit in Saudi-Arabien, das gleiche Recht ohne Zustimmung des Vormunds zu arbeiten und studieren in Katar, gleiches Recht zur freien Partnerwahl in Oman, gleicher Schutz vor häuslicher Gewalt in Jordanien, Libanon und anderen Ländern.“
AMLOUD ALAMIR
Journalistin aus Syrien
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„Ich habe mir ein Ziel gesetzt: Ich möchte interessante Frauen aus Syrien vorstellen, die etwas aus ihrer Situation hier in Deutschland gemacht und ihren Platz gefunden haben. Die Geschichte von Frauen wie Nivien Almousa, die von ihrer Arbeit mit Behinderten hier in Berlin erzählt, kann mehr zu einem friedlichen Zusammenleben beitragen als 1000 Appelle gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Das Video über Nivien finden Sie unter tagesspiegel.de/stimmendesexils
ZOYA ANWER MAHFOUD
Journalistin aus Syrien
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„Das Thema Frauen geht alle an, nicht nur die Frauen selbst. Männer sollten aktive Partner bei der Emanzipation sein. Heute brauchen wir in meiner Heimat dringend ein Zivilrecht gegen das Unrecht, das Frauen erleben, gegen die Ungerechtigkeit, die gegen sie praktiziert wird, gegen das patriarchalische System.“
RAGHAD AL BUNNI
Journalistin aus Syrien
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„Viele arabische Frauen wissen gar nicht, dass es einen Internationalen Frauentag gibt. Einen solchen Tag zu feiern scheint ihnen wie Luxus oder Spott über ihre bittere Realität. Von Herzen hoffe ich, dass dieser Tag einmal eine Krönung für eine schöne Realität in allen Ländern sein wird, nicht eine Etikette, die wir in den Medien besingen.“
                          

Hört auf zu hetzen

„Gott segne Abu Marwan, er ist ein guter Mann“: Das ist ein Satz, den einige Männer mit arabischem Hintergrund immer dann sagen, wenn wieder ein Mann oder Ex-Mann seine Frau umgebracht hat.

„Abu Marwan“ ist ein Mann, der seine Ex-Frau im Jahr 2018 in Deutschland getötet hat. Später hat er ein Video gedreht, in dem er mit seinem Sohn ein Messer in der Hand hält. Die beiden wiederholen den Satz: „Dies ist das Schicksal aller, die ihrem Mann nicht gehorchen.“

Auch drei Jahre nach seiner Verhaftung ist dieser Mann ein Vorbild für einige arabische Jugendliche – das merkt man besonders an ihren Kommentaren auf Facebook. Die sozialen Medien spielen eine große Rolle bei der Anstiftung zur Gewalt. Es gibt spezielle Facebook-Seiten, auf denen zu Gewalt gegen geschiedene Frauen angestiftet wird, zum Beispiel die Seite „Sorgen und Probleme der Familien in Deutschland“.

Wir haben für den Tagesspiegel in einer geschlossenen Frauengruppe dazu eine Umfrage gemacht. Eine Frau berichtet, sie habe einen Kommentar gelesen, in dem ein Mann einen anderen auffordert, seine Frau mit Chemikalien zu verbrennen. „Lin Bassam“ fordert: „Frauen sollten die Gewalt in den sozialen Medien und überall aufdecken“. „Mona Skarek“ kritisiert, dass einige Frauen Rechtfertigungen für die Gewalt von Männern finden: etwa dass die Männlichkeit eines Mannes bedroht sei, wenn die Frau sich ihm nicht untertan zeigt. „Maysoon Haji“ glaubt, dass einige Ehemänner ihre Frauen umbringen, weil sie sich scheiden lassen wollen, nachdem sie Deutschland erreicht haben. Sie fühlen sich von ihnen betrogen.

„Massa. S“ ist der Meinung, Frauen sollten auf Kommentare wie „geh zur Polizei“ nicht zustimmend reagieren, weil sie sonst ihre Männer provozieren und ihre Familie zerstören. Der Tod durch Mord sei gerechtfertigt, wenn einer den anderen „verraten“ möchte, egal ob Mann oder Frau. Hingegen lehnt „Wajiha.N“ ab, dass ein Ehemann seine Frau versklaven darf, weil er ihr geholfen hat, Deutschland zu erreichen.

Bemerkenswert ist: Die meisten Frauen möchten nicht, dass dieses Thema in einem deutschen Medium zur Diskussion gestellt wird, denn ihrer Ansicht nach besteht die Gefahr, dass dadurch Vorurteile gegen die arabische Kultur gestärkt werden. Schließlich gebe es auch viele arabische Männer, die ihre Frauen respektieren. „Dalia Salameh“ kommentiert: „Ja, es gibt viele gute Beispiele. Aber das heißt nicht, dass wir die hässlichen Gegenstücke verschweigen sollten, nur damit der Ruf unserer Kultur nicht beschädigt wird.“ Raghad Al bunni
                          

Mein Exil

Mit einer Tasche voller Hoffnung

TARFAH AL-FADHLI, Journalistin aus Jemen, wundert sich über Deutschland
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Obwohl seit meiner Ankunft in Deutschland sechs Jahre vergangen sind, erinnere ich mich immer noch an die ersten Momente, als ich den Münchner Bahnhof zum ersten Mal betrat. Dieser Moment hängt an der Wand meines Herzens, er hat meine Erinnerung nie verlassen.

Ich kam mit einer Tasche in der Hand, einer Tasche voller Schmerz und Hoffnung, und an der anderen Hand war mein fünfjähriges Kind. Ich flüsterte: „endlich frei atmen und meine Rechte als Frau ausüben, diese Rechte, die mir durch die Gesetze der diktatorischen Regierung in meiner Heimat genommen wurden, deren Männer immer auf den Leichen von Frauen gelebt haben.“ Jahrelang hatte ich unter der Missachtung meiner Gesellschaft gelitten, die versuchte, mich im Haus einzusperren, nur weil ich mit Anfang Zwanzig geschieden war. Aber mein Ehrgeiz kannte keine Grenzen, ich verkaufte mein Gold, um mein Universitäts- und Masterstudium abzuschließen, dann arbeitete ich in internationalen Organisationen. Ich stand auf meinen eigenen Füßen, aber weil mein Leben als Frauenrechtsaktivistin und Tochter einer mächtigen Familie in Gefahr war, hob ich meine weiße Fahne und ging.

In Deutschland angekommen, vergingen Jahre, in denen ich mich gegen den Wind stemmte, um die Sprache zu lernen, freiwillig zu arbeiten und mich um meinen kleinen Jungen zu kümmern. Trotz all der Hindernisse, denen ich auf dem Weg begegnete, gab es tief in meinem Inneren ein kleines Fenster, durch dieses konnte ich die Früchte meiner glänzenden Zukunft sehen, die ich am Ende erreichen will.

Mit der Zeit, als ich anfing, mich mehr zu integrieren, war die erste Tatsache, die mir auffiel, die Ungleichheit der Gehälter von Männern und Frauen. Das war für mich ein Schock! Als ich mich über den Grund dafür wunderte, war die Antwort, die ich von einigen Männern und Frauen erhielt, nicht weniger schockierend: weil Frauen gebären und Mutterschaftsurlaub haben! In Jemen ist die Geburtenrate höher als in Deutschland, trotzdem bekommen Frauen für denselben Job dasselbe Gehalt wie Männer.

Ich fand auch weitere Tatsachen, die meine rosigen Erwartungen zunichte machten, vor allem was die Diskriminierung geflüchteter Frauen bei der Jobsuche betrifft. Das lässt mich glauben, dass Frauen in jeder Ecke dieser Erde immer leiden, und ganz unten steht die Flüchtlingsfrau.

Für mich persönlich war eine der seltsamsten Situationen folgende: Als ich mit einem deutschen Mann verlobt war, nach zwei Jahren unserer Beziehung, gingen wir zum Standesamt, um die Hochzeit vorzubereiten. Eines der erforderlichen Dokumente war die Zustimmung meines Vormunds! Die Worte der Mitarbeiterin trafen mich wie ein Blitz. Ich sagte zu ihr: Meine Eltern sind tot, und ich bin nach Deutschland geflohen, aus meiner Gemeinde und weg von meinen Brüdern! Vom wem soll ich eine Genehmigung erhalten? Sie antwortete mir: „Sie sind Jemenitin und wir unterliegen dem Recht des Landes, aus dem der Einzelne stammt. Dies sind die Gesetze!“

Ich habe mich gefragt, warum stimmt Deutschland solchen ungerechten Gesetzen unserer Herkunftsgesellschaften zu und wendet sie hier bei uns Flüchtlingen an? Eine Juraprofessorin sagte mir Monate später: Wenn die Ehegesetze des Heimatlands den Werten der Gleichberechtigung klar widersprechen, sind unter Umständen Ausnahmen möglich. Ich hoffe es!

Ich weiß keine klare Antwort auf meine vielen Fragen. Aber was ich weiß, ist: Mich überwältigt das Gefühl, dass die Mauern meines Landes noch immer auf meinen Schultern liegen.
                             

Stimmen des Exils: das Projekt

Deutschland ist zum Zufluchtsort für bedrohte Journalist:innen geworden. Der Tagesspiegel und die Körber-Stiftung möchten sie mit der Serie „Stimmen des Exils“ zu Wort kommen lassen. Der Tagesspiegel hat seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist:innen unter dem Titel #jetztschreibenwir veröffentlicht. Die Körber-Stiftung macht in ihrem Fokusthema „Neues Leben im Exil“ die journalistischen, künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland sichtbar. Dafür kooperiert sie z. B. mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“, „Amal, Hamburg!“ und organisiert Fachveranstaltungen. D.N.

www.koerber-stiftung.de/exil und www.tagesspiegel.de/stimmendesexils
Fotos: Stefan Weger; privat