Weltkrebstag 2021

Auf der Suche nach Gewissheit

Nicht jeder ist von Krebs gleich bedroht. Es hilft, die eigene Familiengeschichte zu kennen

Von Adelheid Müller-Lissner

Die meisten Frauen, die an Brustkrebs erkranken, sind im Rentenalter. Doch in jedem zehnten Fall trifft es eine Frau, die noch keine 45 ist, in einigen Familien über Generationen hinweg. Die 25-jährige Marie L. (Name geändert) hat dadurch ihre Mutter verloren und auch ihre Großmutter, die an einem anderen Leiden verstorben ist, musste in jungen Jahren wegen Brustkrebs behandelt werden. Als L. erfährt, dass nun auch eine Cousine die Diagnose bekommen hat, hält sie das nicht mehr für Zufall. Zwar ist Brustkrebs die häufigste Krebserkrankung von Frauen. Aber sie weiß, dass in bis zu zehn Prozent aller Fälle angeborene Genveränderungen vorliegen. Sie möchte Gewissheit.

Marie L. gehört zur Mehrheit der Frauen, die sich im Zentrum für Familiären Brust- und Eierstockkrebs der Charité melden, obwohl sie sich gesund fühlen. Sie suchen Beratung aufgrund ihrer familiären Konstellation und gegebenenfalls eine genetische Analyse. Gut so. „40 Prozent werden leider erst auf das Problem aufmerksam und suchen bei uns Rat, wenn sie selbst erkranken“, sagt Gynäkologin Dorothee Speiser, Sprecherin des Charité-Zentrums.

Stellt sich im Beratungsgespräch heraus, dass es Grund für eine Suche nach Risikogenen gibt, wird nach Möglichkeit nicht die gesunde Ratsuchende selbst, sondern zunächst die „Indexpatientin“ getestet. Also diejenige Frau, die der Ratsuchenden unter den auffallend jung erkrankten Familienmitgliedern verwandtschaftlich am nächsten steht. „Für viele ist es komplett neu, wie weit bei dieser Gelegenheit der Stammbaum aufgemacht wird“, berichtet Speiser. „Oft kommen Töchter mit ihren Müttern. Die Frauen haben sich entschlossen, das Thema gemeinsam anzupacken.“
Wenn die Gefährdung bekannt ist. „Risikoadaptierte Früherkennung“ bedeutet im Fall von Brustkrebs meist, ein bis zweimal im Jahr zur Mammographie (Bild) zu gehen und zusätzlich alle zwei Jahre zum Beratungsgespräch.
Wenn die Gefährdung bekannt ist. „Risikoadaptierte Früherkennung“ bedeutet im Fall von Brustkrebs meist, ein bis zweimal im Jahr zur Mammographie (Bild) zu gehen und zusätzlich alle zwei Jahre zum Beratungsgespräch.
Inzwischen geht es dabei nicht mehr nur um die bekannten Hochrisiko-Mutationen an den Genen BRCA1 und BRCA2, deren Trägerinnen mit bis zu 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit Brustkrebs und mit bis zu 40-prozentiger Wahrscheinlichkeit Eierstockkrebs bekommen. „Wir kennen 34 Gene, bei denen Veränderungen das Risiko erhöhen, darunter elf Kerngene, deren Veränderung klinischen Konsequenzen hat“, sagt Speiser. Auch Männer können diese Veränderungen erben und weitergeben, vor allem die an BRCA2. „Wir erleben einen stetigen Anstieg männlicher Ratsuchender“, berichtet Speiser.

Wie geht es weiter, wenn sich der Verdacht auf genetische Belastung bestätigt – wie das leider auch bei Marie L. der Fall war? Das übliche Angebot, ab 50 alle zwei Jahre am Mammographie-Screening teilzunehmen, reicht dann natürlich nicht aus. „Risikoadaptierte“ Früherkennung bedeutet zunächst meist, ein bis zweimal im Jahr zur Untersuchung zu gehen und alle ein bis zwei Jahre zu einem Beratungsgespräch. Die Empfehlungen richten sich nach individuellem Risiko, aber auch nach der Lebenssituation. „Bei einer Frau mit dichtem Brustgewebe, deren Mutter mit 35 erkrankt und später am Brustkrebs gestorben ist, sollte schneller gehandelt und radikaler vorgegangen werden“, sagt Speiser. Das Thema vorsorgliche Entfernung von Brüsten, Eierstöcken und Eileiter steht im Raum. Aber auch die Frage, ob die Ratsuchende noch Kinder bekommen kann. „Als Ärztin sollte man schon etwas erfahren sein, um individuell den schmalen Pfad zwischen falscher Sicherheit und unnötiger Beunruhigung zu finden“, so die Gynäkologin.

Auch Darmkrebs ist ein Beispiel für risikoadaptierte Früherkennung. Dass Darmspiegelungen im Regelfall über 50-Jährigen angeboten werden, ist sinnvoll, ist doch mehr als die Hälfte der Betroffenen bei der Diagnose über 70 und nur jeder Zehnte jünger als 55. Es gibt aber Familien, in denen Darmerkrankungen vererbt werden, die schon in jungen Jahren fast unausweichlich zu Darmkrebs führen – wenn Vorstufen nicht rechtzeitig erkannt und entfernt werden. Für die familiäre adenomatöse Polyposis (FAP) ist typisch, dass schon im Teenageralter erste und später weitere Polypen im Darm wachsen, die ohne Behandlung praktisch immer zu Krebs werden. Sind drei oder mehr Familienmitglieder erkrankt, sollte unbedingt frühzeitig mit Darmspiegelung begonnen werden. Empfehlung: Zehn Jahre, bevor das erste Familienmitglied erkrankt ist.

Litt die Mutter an Brustkrebs, der Vater an Krebs der Prostata?

So eindeutig ist die Lage allerdings bei anderen Krebsformen nicht. Auch der Lebensstil kann mitspielen, wenn in einer Familie bestimmter Krebs auffallend oft auftritt: Verhaltensweisen wie hochkalorische Ernährung, Bewegungsmangel und Rauchen, die Eltern ihren Kindern oft aufgrund des schlechten Vorbilds „vererben“. Wird über eine genetische Komponente gesprochen, geht es zudem meist um ein ganzes Bündel von Veränderungen. Bei Lungenkrebs, der oft mit Rauchen zusammenhängt und nicht als klassische genetische Erkrankung gilt, ist man inzwischen auf solche Gene aufmerksam geworden. Sie fungieren als „Treiber“, welche aus gesunden Zellen Krebszellen machen, und das oft schon in jüngeren Jahren und bei strikten Nichtrauchern. Im Fall einer bekannten familiären Belastung kann es sinnvoll sein, zur Früherkennung ein Lungen-CT mit niedriger Strahlendosis durchzuführen, sagt Christian Grohé, Chefarzt der Klinik für Pneumologie an der Evangelischen Lungenklinik Buch.

Vor allem Männer, deren Väter und/ oder Brüder an Prostatakrebs erkrankt und möglicherweise daran gestorben sind, wollen dem bei sich selbst vorbeugen. Als Regeluntersuchung ist derzeit das oft unangenehme Abtasten der Vorsteherdrüse vorgesehen. Viel bekannter ist aber der PSA-Test. Der Name steht für ein Eiweiß, das „Prostata-spezifische Antigen“, das in der Vorsteherdrüse gebildet wird. Schwierig dabei: Ein erhöhter Wert kann Hinweis auf Krebs sein, aber auch andere Gründe haben. Außerdem ist nicht jeder Krebs in der Prostata behandlungsbedürftig, für Beunruhigung wird die Diagnose aber auf jeden Fall sorgen. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen hat sich deshalb dagegen ausgesprochen, routinemäßige PSA-Tests für alle Männer ab einem bestimmten Alter zur Kassenleistung zu machen. Die fachliche Leitlinie der Urologen schlägt aber vor, Männer über 45 über diese Untersuchung und ihre Tücken aufzuklären und sie ihnen anzubieten. Bei erhöhtem Risiko „kann diese Altersgrenze um fünf Jahre vorverlegt werden“, so der Rat. Auch hier ist es der mündige (Noch-nicht-)Patient, der letztlich entscheidet.
                  

Editorial

Mutmacher

Corona überdeckt alles, lähmt das Denken und Fühlen, dominiert die Nachrichtenlage. Fast könnte man meinen, es gäbe keine anderen, schlimmeren Krankheiten mehr. Dass dem nicht so ist, wissen die 510 000 Menschen, die jährlich in Deutschland neu an Krebs erkranken. Dieser Donnerstag ist eine gute Gelegenheit, die Aufmerksamkeit auch wieder darauf zu richten: auf Prävention und Therapie von Krebs. Seit 21 Jahren ruft die Union internationale contre le cancer (UICC) den 4. Februar zum Weltkrebstag aus.

Das internationale Motto in diesem Jahr lautet „Ich bin und ich werde“. Was wie der Titel einer philosophischen Abhandlung von Martin Heidegger klingt, ist überaus konkret gemeint: Was wird jeder und jede einzelne gegen Krebs tun? Denn Krebs geht, über ein oder zwei Ecken, uns alle an, „egal ob als Lehrerin, als Wissenschaftler, als Angehöriger, der seine krebskranke Mutter pflegt oder als Patientin, die sich nicht unterkriegen lässt“, wie die Deutsche Krebshilfe schreibt. Auf ihrer Webseite www.krebshilfe.de hat sie bereits erste Botschaften von Menschen veröffentlicht, die Mut machen. uba
Foto: Imago